
Ölpreis rutscht unter 80 Dollar – IEA erwartet nach Friedensschluss massives Überangebot
Die Aussicht auf ein Ende des Iran-Kriegs und die Wiedereröffnung der Straße von Hormus lassen die Rohölnotierungen einbrechen, während die Internationale Energieagentur für 2027 einen Angebotssprung von acht Millionen Barrel pro Tag prognostiziert.
Der Rohölmarkt erlebte am Mittwoch einen historischen Stimmungsumschwung. Die richtungsweisende Sorte Brent fiel erstmals seit Anfang März wieder unter die Marke von 80 Dollar je Barrel, zeitweise notierte sie bei 78,42 Dollar. Auslöser ist das unmittelbar bevorstehende Rahmenabkommen zwischen Washington und Teheran, das am Freitag in der Schweiz unterzeichnet werden soll. Es sieht eine sechzigtägige Waffenruhe, die Wiedereröffnung der Straße von Hormus durch Iran und die Aufhebung der amerikanischen Seeblockade vor. Händler in Singapur, London und New York lösten daraufhin massiv geopolitische Risikoprämien auf; allein an den beiden Vortagen war Brent um jeweils rund fünf Prozent eingebrochen.
Die Internationale Energieagentur (IEA) untermauerte in ihrem am selben Tag veröffentlichten Monatsbericht die veränderte Marktlogik mit drastisch revidierten Zahlen. Demnach wird die globale Ölnachfrage 2026 um 1,1 Millionen Barrel pro Tag schrumpfen – fast dreimal so stark wie noch im Mai prognostiziert. Grund sind die kumulierten Schäden der fast vier Monate währenden Versorgungskrise: Die Lieferungen im zweiten Quartal brachen im Vorjahresvergleich um nahezu fünf Prozent ein, weil hohe Treibstoffpreise und unterbrochene Lieferketten die Nachfrage erstickten. Gleichzeitig schmolzen die strategischen Reserven der Industriestaaten in einem Tempo dahin, das zuletzt 1990 beobachtet wurde; im Mai beschleunigte sich der Lagerabbau auf 4,6 Millionen Barrel täglich.
Für das laufende Jahr erwartet die IEA nun ein Angebotsdefizit von lediglich 920.000 Barrel pro Tag – eine deutliche Entspannung gegenüber der vorherigen Schätzung von 1,78 Millionen. Die globale Förderung sinkt demnach um 3,9 Millionen Barrel auf 102,4 Millionen Barrel pro Tag, während die Nachfrage auf 103,3 Millionen Barrel zurückgeht. Der eigentliche tektonische Bruch zeichnet sich jedoch für 2027 ab: Sobald die iranischen Exporte wieder ungehindert fließen und die übrigen Golfproduzenten ihre gedrosselte Produktion hochfahren, werde das Angebot um acht Millionen Barrel pro Tag auf 110 Millionen Barrel anschwellen, die Nachfrage hingegen nur um zwei Millionen Barrel zulegen. Daraus ergäbe sich ein struktureller Überschuss von mehr als fünf Millionen Barrel täglich – ein Niveau, das selbst in der von Überkapazitäten geprägten Ölgeschichte ohne Beispiel wäre.
Aus Washingtoner Sicht ist das Abkommen ein doppelter Erfolg: Es entschärft die akute Inflationsgefahr und erlaubt der Federal Reserve, auf weitere Zinserhöhungen zu verzichten. Die Aktienmärkte reagierten entsprechend; der S&P 500 legte seit dem Tief der Vorwoche um 3,3 Prozent zu. In Teheran wiederum wiegt das Recht auf sofortige Ölverkäufe schwerer als die militärischen Rückschläge. Beobachter in Peking und Neu-Delhi, deren Volkswirtschaften unter den explodierten Energiekosten besonders litten, sehen in der Einigung eine dringend benötigte Entlastung der Handelsbilanzen. Auch für die deutsche und schweizerische Industrie, die über die gestiegenen Rohstoff- und Frachtkosten indirekt belastet wurde, verbessert sich das Konjunkturklima spürbar.
Dennoch mahnen erfahrene Marktteilnehmer zur Vorsicht. Die IEA selbst betont, dass die Normalisierung der Hormus-Passage Zeit brauchen werde und das Abkommen die strukturellen Risiken nicht beseitige. Die staatlichen Notreserven liegen auf einem Niveau, das seit dem Golfkrieg 1990 nicht mehr erreicht wurde, und die physischen Lieferketten für raffinierte Produkte bleiben fragil. Sollte der Waffenstillstand brüchig werden oder die Wiederauffüllung der Lager unerwartet viel Rohöl absorbieren, könnte der erwartete Preisverfall rasch in eine erneute Angebotsangst umschlagen. Vorerst aber dominiert die Erleichterung – und die Erwartung, dass der Ölmarkt nach der tiefsten Versorgungskrise der Geschichte in eine Ära des Überflusses eintreten könnte.
Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.
2 Mediengruppen · 4 Sprachen
Die IEA hat ihre Ölnachfrageprognose drastisch gesenkt und warnt, dass selbst das Hormuz-Abkommen die Risiken nicht beseitigt. Die staatlichen Lagerbestände sind auf dem niedrigsten Stand seit 1990, der Markt bleibt anfällig. Der Nachfragerückgang von 1,1 Millionen Barrel pro Tag spiegelt die anhaltenden Schäden des Konflikts wider.
Die IEA prognostiziert für 2027 einen erheblichen Ölüberschuss, sobald die Straße von Hormuz wieder geöffnet ist und sich das Angebot normalisiert. Das Abkommen zwischen den USA und dem Iran wird die größte Versorgungsunterbrechung der Geschichte beenden, die über 14 Millionen Barrel pro Tag blockiert hat. Nach einer Erholungsphase wird der Markt in ein deutliches Überangebot übergehen.
Verwandte Artikel
Cunha-Doppelpack und Vinícius-Tor: Brasilien siegt 3:0 gegen Haiti
6 Sprachen · 29 Quellen
Kriminalität & KatastrophenGüterzugkollision in München: Ein Toter, zwei Waggons stürzen von Brücke
10 Sprachen · 17 Quellen
SportPionier des neuen Mundschutz-Verbots: Almiron sieht historischen Platzverweis
7 Sprachen · 23 Quellen