
Zwischen Disinflation und neuen Preisschüben: Die fragmentierte globale Inflationslandschaft
Während Argentinien und Israel auf sinkende Teuerung hoffen, treibt Kolumbiens starker Mindestlohnanstieg die Preise – und die US-Notenbank könnte den Zinssenkungszyklus weiter verzögern.
Aus Buenos Aires dringt ein widersprüchliches Signal. Einerseits sehen Ökonomen die argentinische Inflation im Juni erstmals unter die Marke von zwei Prozent fallen, getragen von einer nachlassenden Dynamik bei den Verbraucherpreisen. Doch eine genauere Betrachtung der Lebensmittelpreise trübt den Optimismus. Die jüngste Erhebung der Beratungsfirma LCG zeigt, dass die Nahrungsmittelpreise in der zweiten Juniwoche um 0,6 Prozent anzogen, angeführt von einem kräftigen Sprung bei Fleisch. Dieser Teilindex kletterte innerhalb von vier Wochen um fast fünf Prozent und erklärt damit rund sechzig Prozent der gesamten Preissteigerungen. Diese gegenläufigen Kräfte offenbaren eine gespaltene Wirtschaft: Während die Finanzmärkte eine Entspannung feiern, kämpfen Konsum, Bau und Teile der Industrie weiter mit schwierigen Bedingungen.
Noch klarer zeigt sich die Schieflage in Kolumbien. Dort verharrt die Gesamtinflation mit 5,8 Prozent weit über dem Zielkorridor der Zentralbank, und die Kernrate stieg zuletzt auf 6,1 Prozent. Als wichtigster Treiber erweist sich die Dienstleistungsinflation, die im Mai bei 9,1 Prozent lag – ein direkter Reflex auf die Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns um 23 Prozent zum Jahresbeginn. Die Kostenwelle pflanzt sich mit unerwarteter Wucht in den Verbraucherpreisen fort und hat die Inflationsprognosen der Banco de la República massiv verschlechtert. Lag die Schätzung für das Jahresende zuvor noch bei 3,2 Prozent, rechnet die Notenbank nun mit einer Rate von mehr als sechs Prozent. Auch die Nahrungsmittelpreise bleiben unter Druck, denn nach Starkregen und Dürren ist das landwirtschaftliche Angebot knapp. In Bogotá spricht man bereits vom „Präsidenten der Inflation“ – eine Anspielung auf die fiskal- und lohnpolitischen Entscheidungen der Regierung.
International richten sich die Blicke auf die geldpolitischen Entscheidungen der großen Notenbanken. In den USA wird die Federal Reserve am Mittwoch aller Voraussicht nach die Zinsen unverändert lassen, denn die hartnäckige Kerninflation erlaubt noch keine Lockerung. In Brasilien tritt derweil die Zentralbank zusammen; die Erwartung eines amerikanisch-iranischen Abkommens ließ zuletzt die geopolitischen Risikoaufschläge schmelzen und verschafft dem Copom etwas Luft. Ein ganz anderes Bild bietet Israel: Dort könnte der Verbraucherpreisindex für Mai – von Analysten ein leichter Rückgang prognostiziert – den Weg für eine Zinssenkung Anfang Juli ebnen. Mit einer Jahresrate von 1,9 Prozent im April liegt die Teuerung am unteren Rand des Zielbands, und die Aufwertung des Schekels dämpft den Preisdruck weiter.
Die Momentaufnahmen aus Lateinamerika und dem Nahen Osten illustrieren das schwierige Umfeld für die Geldpolitik in Schwellen- und kleineren Industrieländern. Strukturelle Faktoren wie die Indexierung von Löhnen und die Abhängigkeit von Rohstoffimporten erzeugen eine eigene Inflationsdynamik, die von den globalen Zinszyklen oft abgekoppelt ist. In Argentinien drohen zudem bevorstehende Anpassungen bei öffentlichen Tarifen und Treibstoffpreisen, die Desinflationserfolge zunichtezumachen. Die Fragmentierung zwingt Anleger zu einer differenzierten Betrachtung: Während Israel auf eine sanfte Landung zusteuert, bleibt für Kolumbien und Argentinien der Grat zwischen Preisstabilität und Wachstum schmal.
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In Argentinien sinkt die monatliche Inflation unter 2 %, doch die Lebensmittelpreise, angeführt von Fleisch, steigen wieder, während Konsum und Bauwirtschaft noch schwächeln. In Kolumbien lässt die kräftige, von der Regierung Petro verordnete Mindestlohnerhöhung die Dienstleistungsinflation wieder über 9 % steigen und entfernt das Land vom Ziel der Zentralbank.
In Israel wird für Mai ein Rückgang des Verbraucherpreisindex um 0,1 % bis 0,2 % erwartet, gestützt durch einen stärkeren Schekel und gedämpfte Preise für Flüge und Wohnraum. Nach dem überraschenden Anstieg im April werden diese Zahlen für die nächste Zinsentscheidung der Bank of Israel im Juli entscheidend sein.
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