
Flugangst und Neuerfindung: Wie Pop die Grenzen des Ichs vermisst
Eine 67-Jährige besiegt mit BTS ihre Phobie, Charli XCX verbrennt die Brat-Ära, und Cher wird 80 – Erzählungen vom Überwinden, die den Zeitgeist prägen.
Die Augen fest geschlossen, die Hand des Mannes umklammert, als das Flugzeug abhob – so schildert das britische Magazin „People“ den Moment, in dem Debbie Adamson, 67, nach siebzehn Jahren zum ersten Mal wieder in einen Jet stieg. Ihre Flugangst war so übermächtig, dass sie 2006 am Flughafen ihren Pass in einer Zeitschrift versteckte und drei Stunden weinte. Nun, bei einem Testflug von Southampton nach Orlando, half ihr eine selbst kuratierte Playlist der südkoreanischen Band BTS, die Panik zu dämpfen. „Ich habe eine kugelsichere Playlist gemacht“, sagte sie. Die Musik, so ihre Beobachtung, habe die sensorische Überlastung gelindert und ihr erlaubt, die Situation neu zu rationalisieren.
Dieser Triumph über eine tiefsitzende Begrenzung reiht sich in eine bemerkenswerte Häufung popkultureller Momente, die um das Motiv des Neuanfangs und der Selbstbehauptung kreisen. Die Sängerin Beth Orton veröffentlicht mit „The Ground Above“ ein Album, das laut Australian Broadcasting Corporation ein „dicht atmosphärischer Höhepunkt“ ihres Schaffens ist. Orton, 55, erzählt von einer Freundin, die ihre besten Kleider nie trug, immer auf den richtigen Anlass wartete – und dann starb. In der elegischen Ballade „Waiting“ singt sie: „I was waiting for forever to come / Before I knew it, it was already come and gone.“ Der Song sei, so Orton, von ihrer 19-jährigen Tochter inspiriert und verarbeite die Erfahrung, dass das Leben keine perfekte Fassung braucht, bevor man es ergreift. Vor dreißig Jahren galt Orton als „Comedown Queen“ des Folktronica, heute blickt sie nüchtern auf eine von Verlust, Krankheit und Sucht geprägte Vergangenheit – und findet doch zu einer Sprache der Zerbrechlichkeit, die nichts beschönigt.
Radikaler vollzieht die 33-jährige Charli XCX den Schnitt. Nachdem ihr Album „Brat“ 2024 zu einem popkulturellen Phänomen geworden war – ein grüner Rausch aus Dekadenz, Ironie und Hyperpop –, zündet sie nun die eigene Ikone an. Wie mehrere skandinavische Zeitungen berichten, verkündet sie auf dem Nachfolgewerk „Music, fashion, film“: „Der Dancefloor ist tot.“ Das Cover zeigt nicht mehr Neon-Schriftzüge, sondern in Schwarzweiß drei ernste Männer: John Cale, Marc Jacobs, Martin Scorsese. Die „Göteborgs-Posten“ attestiert dem Album einen „depressiven Anschlag“ und zitiert Zeilen aus „SS26“, in denen ein Laufsteg direkt in die Hölle führt. Zugleich würdigt das Blatt Charli XCX’ komisches Genie: In „Wink Wink“ singt sie „Maybe I fucked your dad. Just kidding, I’m only saying that for effect.“ Das Werk endet mit David Cronenberg, der im Stück „No One Lasts Forever“ unablässig wiederholt: „No one lasts forever, they are dead, they are gone.“ Es ist eine Mischung aus Nihilismus und befreiendem Witz – ein Album, das die Überforderung durch die eigene Berühmtheit in Kunst umschlagen lässt.
Eine andere Art der Beharrung feiert das Magazin „Time“ anlässlich von Chers 80. Geburtstag am 20. Mai. Die Sängerin, so der Essay, habe über sechs Jahrzehnte hinweg all jene Eigenschaften kultiviert, für die sie einst verspottet wurde – zu künstlich, zu freizügig, zu direkt. Cher, so die Analyse, habe Exzess in Architektur verwandelt: die durchsichtigen Bob-Mackie-Kleider, die Federboas, die One-Name-Identität. Als sie 1989 im Video zu „If I Could Turn Back Time“ mit 42 in einem hauchdünnen Body vor Matrosen tanzte und MTV den Clip zunächst sperrte, zeigte sich nicht bloß ein Kleiderstreit, sondern das Unbehagen an einer Frau, die sich auch jenseits der Vierzig als erotisches, befehlendes Subjekt inszenierte. „Wenn ich meine Titten auf den Rücken setzen will, geht das nur mich etwas an“, wird Cher zitiert. Ihr Weg, so der Tenor der US-Zeitschrift, sei kein Trotz, sondern die Erinnerung daran, dass ein erfülltes Leben sich nicht kleiner macht, sondern auf eigenen Konturen besteht.
So stehen diese Geschichten nebeneinander – eine Frau, die mit K-Pop ihre Flugangst besiegt; eine Sängerin, die das Jetzt nicht länger aufschieben will; eine Künstlerin, die ihre erfolgreichste Persona niederbrennt; und eine Diva, die im achten Lebensjahrzehnt noch immer alle Erwartungen durchkreuzt. Was sie verbindet, ist der Impuls, die Deutungshoheit über das eigene Ich nicht abzugeben. Es ist kein Zufall, dass Charli XCX’ letztes Album mit einem geflüsterten „No one lasts forever“ endet. Doch vielleicht ist das Geräusch, das von diesen Episoden bleibt, nicht das Verklingen, sondern der Beat einer Playlist, die eine verängstigte Passagierin durch die Turbulenzen trägt.
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