
Familienzwist der Bolsonaros lähmt Brasiliens Rechte vor Präsidentschaftswahl
Der öffentliche Bruch zwischen Michelle Bolsonaro und ihrem Stiefsohn Flávio gefährdet die Mobilisierung weiblicher und evangelikaler Wähler und legt interne Machtkämpfe im Lager des ehemaligen Präsidenten offen.
Drei Monate vor der brasilianischen Präsidentschaftswahl hat der eskalierende Konflikt zwischen der ehemaligen First Lady Michelle Bolsonaro und dem Präsidentschaftskandidaten des rechten Lagers, Flávio Bolsonaro, die Wahlkampfstrategie des Partido Liberal (PL) in eine schwere Krise gestürzt. Michelle Bolsonaro trat von der Leitung der Frauenorganisation des PL zurück und veröffentlichte Videos, in denen sie ihrem Stiefsohn vorwirft, sie in einem Telefonat gedemütigt und eine koordinierte Attacke gegen sie geführt zu haben. Der Vorgang hat die ohnehin angespannte Lage im bolsonaristischen Lager weiter destabilisiert, nachdem Flávio Bolsonaro in Umfragen zuletzt hinter den amtierenden Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva zurückgefallen war.
Aus dem Umfeld Michelle Bolsonaros verlautet, sie sehe sich als eigenständige politische Kraft, die insbesondere evangelikale und weibliche Wählergruppen an die Rechte bindet. Brasilianische Religionssoziologen wie Ana Carolina Evangelista beschreiben sie als zentrale Figur für die organische Verbindung des PL zu den Pfingstkirchen. Flávio Bolsonaro hingegen bemühte sich öffentlich um Schadensbegrenzung, sprach von Respekt und der Hoffnung auf Versöhnung, ohne jedoch die Vorwürfe inhaltlich zu entkräften. Parteivertreter des PL, darunter der Vorsitzende Valdemar Costa Neto, kritisierten Michelle Bolsonaro für die Verbreitung eines Videos mit unbelegten Vorwürfen gegen einen Geschäftsmann und werteten dies als strategischen Fehler.
Die Auseinandersetzung hat unmittelbare elektorale Konsequenzen. Umfragen zeigen, dass Flávio Bolsonaro bei Wählerinnen einen Rückstand von rund 18 Prozentpunkten auf Lula aufweist. Die Abkehr Michelle Bolsonaros, die über acht Millionen Anhänger in sozialen Netzwerken erreicht, droht diese Kluft zu vertiefen. In brasilianischen Parteikreisen wird zudem befürchtet, dass die tägliche Nähe Michelle Bolsonaros zu dem unter Hausarrest stehenden Jair Bolsonaro dessen informelle Einflussnahme auf die Kampagne verstärken könnte. Gleichzeitig verzögert die Krise die ohnehin stockende Suche nach einem Vizepräsidentschaftskandidaten, die nach Aussagen von Wahlkampfmitarbeitern durch interne Machtkämpfe und die zögerliche Haltung möglicher Bündnispartner aus dem Centrão blockiert wird.
Hintergrund des Zerwürfnisses sind Differenzen über die Aufstellung von Kandidaten im Bundesstaat Ceará, wo Michelle Bolsonaro eine Allianz mit dem ehemaligen Gouverneur Ciro Gomes ablehnt und auf bolsonaristischere Kräfte setzt. Der Konflikt ist jedoch auch Ausdruck eines länger schwelenden Machtkampfes um die politische Erbfolge Jair Bolsonaros, der wegen eines versuchten Staatsstreichs zu 27 Jahren Haft verurteilt wurde und selbst nicht antreten kann. Europäische Beobachter verweisen darauf, dass Michelle Bolsonaro mit ihrem Vorgehen langfristig eigene Ambitionen auf das Präsidentenamt verfolgen könnte, nachdem sie in der Nachfolgefrage zunächst übergangen worden war.
Flávio Bolsonaro kündigte unterdessen an, sich im Falle eines Wahlsiegs für die Ernennung von Frauen an den Obersten Gerichtshof einzusetzen, um das weibliche Elektorat zu umwerben. Die formale Registrierung der Kandidaturen ist für August vorgesehen. Bis dahin muss der PL nicht nur die familieninterne Krise eindämmen, sondern auch die Frage der Vizepräsidentschaft klären, die nach Einschätzung von Analysten in São Paulo über die Regierungsfähigkeit einer möglichen rechten Administration mitentscheiden wird.
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