
Zwischen Zelten und Angst: Südafrikas Migranten vor dem 30. Juni
Tausende afrikanische Migranten verlassen Südafrika, während eine fremdenfeindliche Bewegung ein Ultimatum stellt – ein Land hadert mit seiner Identität.
Auf dem staubigen Boden des ehemaligen Autokinos „Durban Drive-In“ liegt, zwischen weggeworfenen Schuhen, Papptellern und Windeln, die Kopie einer südafrikanischen Aufenthaltsgenehmigung. Niemand bückt sich danach. In den weißen Notzelten dahinter warten Tausende Malawier, dicht an dicht, auf die Busse, die sie zurück in ein Land bringen sollen, das sie einst auf der Suche nach Arbeit verließen. Die Stille in der Schlange ist trügerisch; sobald eine Kamera auftaucht, schlägt die geduldige Erschöpfung in Unmut um. Es ist Ende Juni, und das Ultimatum der Bürgerbewegung „March and March“ läuft ab: Alle „illegalen Einwanderer“ müssten bis zum 30. Juni verschwunden sein.
Was in den vergangenen Wochen in Südafrika geschah, trägt Züge einer Tragödie, die sich in Zyklen wiederholt. Seit Monaten heizen Gruppen wie March and March die Wut auf afrikanische Migranten an. In Durban kleben Zettel mit der Aufschrift „Zeit zu gehen“ an Hauswänden, Anhänger ziehen von Tür zu Tür und fordern Ausländer auf, ihre Sachen zu packen. Die Gewalt eskalierte: Geschäfte wurden geplündert, Häuser niedergebrannt, mindestens drei Menschen starben nach offiziellen Angaben, Mosambik spricht von fünf Toten unter seinen Staatsbürgern. Die Regierung in Pretoria warnt davor, Ausländer zu Sündenböcken für Arbeitslosigkeit und Kriminalität zu machen, und hat massive Polizeipräsenz angekündigt. Doch die Angst treibt Tausende zur freiwilligen Rückkehr: Malawi, Simbabwe, Mosambik, Ghana, Nigeria und weitere Länder organisieren Repatriierungsbusse. Allein 15.162 Malawier wurden bis Freitag für die Ausreise erfasst, Tausende weitere harren in Lagern aus.
Die Krise legt einen tieferen Riss frei, der durch den Kontinent geht. Aus westafrikanischer Perspektive, wie sie der ghanaische Unternehmer Seidu Agongo in einem Beitrag formuliert, sind die Grenzen, die heute Zugehörigkeit definieren, ein koloniales Erbe. Vor deren willkürlicher Ziehung bewegten sich Menschen, Handel und Kulturen frei über weite Territorien. Die Forderung, Afrikaner sollten „nach Hause“ gehen, verkenne diese Geschichte und die wirtschaftlichen Ungleichgewichte, die Migration antreiben. In Südafrika selbst hat der ehemalige Vize-Finanzminister und heutige MTN-Aufsichtsratsvorsitzende Mcebisi Jonas bei einer Trauerfeier für einen simbabwischen Aktivisten eine scharfe historische Abrechnung gehalten: Die Fixierung auf Ethnien und Nationalität sei ein koloniales Konstrukt, das bis heute von Politikern instrumentalisiert werde. „Ausländer können morgen gehen – die Ungleichheit bleibt“, sagte Jonas. Die eigentliche Krise sei das Versagen des Staates, nicht die Anwesenheit von Migranten.
Für jene, die jetzt gehen, ist die Rückkehr oft eine Fahrt ins Ungewisse. Der 22-jährige Bauarbeiter Mike Rabson aus Malawi, zitiert von der Nachrichtenagentur AFP, weiß nicht, wie das Leben ohne Job aussehen wird. Andere haben gar kein Zuhause, in das sie zurückkönnen: Die 25-jährige Leanne Sefu aus der Demokratischen Republik Kongo, die seit ihrem dritten Lebensjahr in Südafrika lebt, kampiert vor dem Innenministerium, weil eine Rückkehr in das kriegsgebeutelte Land „sich anfühlt wie der Tod“. Vor dem simbabwischen Konsulat in Kapstadt schlafen Hunderte auf dem Bürgersteig, wie die Nachrichtenportale Adom Online und Joy Online berichten. Die südafrikanische Regierung hat unterdessen die Zustände in den Lagern als „unhaltbar“ bezeichnet, doch eine politische Lösung ist nicht in Sicht. Die für November angesetzten Kommunalwahlen verleihen der aufgeheizten Stimmung zusätzliche Brisanz.
Am Ende bleibt das Bild einer verlorenen Aufenthaltsgenehmigung im Staub von Durban, umgeben von den Überresten hastiger Abreisen. Es ist ein stilles Zeugnis einer Flucht, die nicht vor Krieg oder Hungersnot, sondern vor der Feindseligkeit der Nachbarn stattfindet. Während die Busse Richtung Norden rollen, hängt die Frage im Raum, die Seidu Agongo stellte: Wenn Afrikaner gehen müssen – wohin genau? Die Antwort liegt nicht in den Zelten, sondern in der Fähigkeit eines Kontinents, seine künstlichen Grenzen zu überwinden.
Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.
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Das Ultimatum vom 30. Juni durch Bürgerwehren hat eine humanitäre Krise ausgelöst, in der Tausende afrikanische Migranten aus Angst Südafrika verlassen. Diese fremdenfeindliche Kampagne verrät die panafrikanische Solidarität und ignoriert die gegenseitige Abhängigkeit des Kontinents; Südafrikas Wohlstand ist auf dem Rest Afrikas aufgebaut. Die Schlangen von Malawiern, die auf ihre Rückführung warten, und die auf Gehwegen schlafenden Simbabwer sind ein beschämendes Kapitel.
In Durban hat eine fremdenfeindliche Bewegung eine Frist für illegale Ausländer gesetzt, was Panik und eine Massenflucht auslöst. Die Stimmung auf dem Hügel von Umlazi ist aufgeheizt, mit Demonstranten in traditioneller Tracht und Nationalflaggen, während Tausende verzweifelt einen Weg aus dem Land suchen.
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