
Wiederaufbaukonferenz in Danzig: Geschichtsstreit überschattet EU-Finanzhilfen für Kiew
Während Brüssel die erste Kredittranche freigab, blieb Präsident Selenskyj der Konferenz fern; Ministerpräsident Tusk rief zu Wahrheit und gegenseitigem Respekt auf.
Die fünfte internationale Wiederaufbaukonferenz für die Ukraine hat am Donnerstag in Danzig unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen begonnen – und im Zeichen eines eskalierenden polnisch-ukrainischen Geschichtsstreits. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte seine Teilnahme ab, nachdem der polnische Staatspräsident Karol Nawrocki ihm die höchste staatliche Auszeichnung, den Orden des Weißen Adlers, entzogen hatte. Auslöser war ein Dekret Selenskyjs vom 26. Mai, mit dem er eine militärische Eliteeinheit nach den „Helden der UPA“ benannte. Die Ukrainische Aufständische Armee (UPA) wird in Polen für Massaker an Zehntausenden polnischen Zivilisten in Wolhynien und Ostgalizien in den Jahren 1943/44 verantwortlich gemacht und als terroristische Organisation eingestuft. Die ukrainische Delegation wurde von Ministerpräsidentin Julija Swyrydenko geleitet.
Aus Warschau kamen während der Konferenz Signale der Deeskalation. Ministerpräsident Donald Tusk, dessen liberale Bürgerplattform für ein enges Bündnis mit Kiew eintritt, erklärte, die Zukunft lasse sich „nur auf Wahrheit, auf gegenseitigem Respekt, auf einem Verständnis der Geschichte“ aufbauen. Er zog eine Parallele zum Wiederaufbau seiner Heimatstadt Danzig nach dem Zweiten Weltkrieg und rief die Verbündeten dazu auf, an eine Nachkriegsordnung zu glauben. Swyrydenko dankte Polen ausdrücklich für die geleistete Hilfe, ohne den historischen Konflikt direkt anzusprechen. Demgegenüber hatte Präsident Nawrocki, der dem nationalkonservativen Lager angehört und bei der Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr gegen Tusk antreten dürfte, die Aberkennung des Ordens mit der Begründung betrieben, Selenskyj habe der russischen Propaganda Material geliefert.
Die Europäische Kommission nutzte die Konferenz, um finanzielle Zusagen zu bekräftigen. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte die Auszahlung von über drei Milliarden Euro als erste Tranche eines 90-Milliarden-Kredits an. In den kommenden Tagen sollen zudem erste Mittel aus einem Sechs-Milliarden-Programm für die Drohnenproduktion fließen. Aus Brüsseler Sicht soll damit die Verlässlichkeit der europäischen Unterstützung demonstriert werden. Der ukrainische Wiederaufbaubedarf wird auf mehr als 500 Milliarden Dollar geschätzt. Polen, das seit 2022 über eine Million Kriegsflüchtlinge aufgenommen hat und als Logistikdrehscheibe für westliche Militärhilfe dient, hofft zugleich auf eine führende Rolle seiner Unternehmen beim Wiederaufbau.
In polnischen Meinungsumfragen schlägt sich der Konflikt in wachsender Skepsis nieder: Laut einer jüngsten Erhebung lehnen 59,7 Prozent der Polen einen EU-Beitritt der Ukraine ab. Analysten in der Schweiz verweisen darauf, dass die historische Kontroverse vor allem Moskau in die Hände spielt, das den Streit zwischen den Nachbarn propagandistisch ausschlachtet. Die Konferenz in Danzig wird noch bis zum Wochenende fortgesetzt. Konkrete Schritte zur Beilegung des Geschichtsstreits wurden bislang nicht vereinbart; die Rückgabe des Ordens durch Selenskyj und die Solidaritätsgesten dreier ukrainischer Altpräsidenten deuten auf eine Verhärtung der Fronten hin.
Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.
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Der historische Streit zwischen Polen und der Ukraine ist eine gefährliche Ablenkung von der existenziellen Bedrohung durch Russland. Beide Nationen müssen der Einheit Vorrang geben und sich auf Wiederaufbau und Sicherheit konzentrieren, indem sie schmerzhafte Erinnerungen um des Überlebens willen beiseitelegen.
Selenskyjs Entscheidung, die Konferenz auszulassen, offenbart die tiefen Risse in der Beziehung der Ukraine zu ihrem angeblichen Verbündeten Polen. Historische Ressentiments kommen wieder hoch, und die westliche Koalition zeigt Spannungserscheinungen, was die Wiederaufbaubemühungen untergräbt.
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