
Langes Sitzen bleibt ein eigenständiges Krebsrisiko – Bewegungspausen sind unverzichtbar
Eine grosse Beobachtungsstudie zeigt: Auch wer täglich trainiert, kann die Gefahr durch stundenlanges ununterbrochenes Sitzen nicht vollständig ausgleichen.
Jede zusätzliche Stunde, die ein Mensch am Stück sitzend verbringt, ist mit einem etwa zehn Prozent höheren Risiko verbunden, an Krebs zu sterben. Das geht aus einer im Fachblatt PLOS Medicine veröffentlichten Analyse hervor, die über zwölf Jahre hinweg mehr als 91.000 Erwachsene mittels tragbarer Aktivitätssensoren begleitet hat. Die Beobachtungsstudie kann keine Kausalität belegen, liefert aber wegen der objektiven Messung belastbarere Hinweise als frühere Erhebungen, die auf Selbstauskünften beruhten. Selbst Teilnehmer, die die empfohlenen 150 Minuten moderater Bewegung pro Woche erreichten, wiesen bei langen Sitzphasen ein erhöhtes Risiko auf.
Die biologischen Mechanismen, die dem Zusammenhang zugrunde liegen könnten, beschreiben Forscher des All India Institute of Medical Sciences in Delhi als eine Kaskade aus verlangsamter Muskelaktivität, gestörtem Glukose- und Fettstoffwechsel, Insulinresistenz und chronischen Entzündungen. Diese Veränderungen begünstigen langfristig insbesondere kolorektale, Brust- und Endometriumkarzinome. Die neuen britischen Bewegungsleitlinien, die Englands oberster Amtsarzt Chris Whitty zeitgleich mit einer ausdrücklichen Warnung vor den Gefahren des Dauersitzens vorstellte, greifen diese Erkenntnisse auf: „Längeres Sitzen ist schädlich, selbst bei Menschen, die das empfohlene Mass an moderater bis intensiver körperlicher Aktivität erreichen.“
Die Konsequenz für den Alltag liegt nicht allein in der Gesamtdauer der Inaktivität, sondern im regelmässigen Unterbrechen der Sitzphasen. Ärzte des PSRI Hospital in Delhi raten, alle 30 bis 60 Minuten aufzustehen, einige Minuten zu gehen oder Telefonate im Stehen zu führen. Dass bereits geringe Intensitätssteigerungen wirken, untermauert eine Auswertung von drei US-amerikanischen Kohortenstudien mit rund 4.000 Teilnehmern: Ältere Menschen, die zügig gingen, hatten ein halbiertes Risiko für kognitive Beeinträchtigungen. Die Bewegung erhöht den Blutfluss im Gehirn und regt die Ausschüttung des Nervenwachstumsfaktors BDNF an.
Für die praktische Umsetzung bedeutet das eine Doppelstrategie: das wöchentliche Bewegungspensum einhalten und zugleich die alltäglichen Sitzzeiten zerstückeln. Die britischen Leitlinien betonen, dass schon kleine Änderungen – Treppe statt Aufzug, ein Gang zum Einkaufen – langfristig einen überraschend grossen Unterschied machen. In heissen Sommern, wie sie derzeit in Teilen Asiens herrschen, raten Sportmediziner der Universität Indonesia dazu, die Intensität vorübergehend zu drosseln und die Akklimatisierung des Körpers nicht zu erzwingen, um Hitzestress zu vermeiden. Der nächste Schritt der Forschung wird sein, in Interventionsstudien zu prüfen, ob sich das Krebsrisiko durch vorgeschriebene Bewegungspausen tatsächlich senken lässt.
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