
Pogačar vor fünftem Toursieg – Carapaz bezwingt Alpe d’Huez
Nach einem dramatischen Finale der 20. Etappe steht der Slowene Tadej Pogačar unmittelbar vor dem Gewinn seiner fünften Tour de France, während der Ecuadorianer Richard Carapaz die Königsetappe für sich entschied.
Der letzte große Prüfstein der 113. Tour de France endete mit einer Schrecksekunde und einem strahlenden Sieger. Auf der Abfahrt vom Col de Sarenne, fünf Kilometer vor dem Ziel in Alpe d’Huez, verlor der Amerikaner Sepp Kuss in einer Rechtskurve die Kontrolle über sein Rad, prallte gegen eine Betonbarriere und wurde nur durch ein Fangnetz vor einem Sturz in die Tiefe bewahrt. Der bis dahin führende Kuss rappelte sich auf, stürzte jedoch erneut, als er versuchte, wieder in Schwung zu kommen. Diesen Moment nutzte Richard Carapaz, der mit hartnäckiger Verfolgung herangerauscht kam und an dem geschockten Kuss vorbeizog, um nach 170,9 Kilometern und vier kräftezehrenden Anstiegen seinen zweiten Etappensieg innerhalb von drei Tagen zu feiern. Remco Evenepoel sicherte sich Rang zwei, Kuss rettete Platz drei. Mit diesem Triumph stand der Ecuadorianer endgültig als Gewinner des gepunkteten Bergtrikots fest.
Für Tadej Pogačar, der das Gelbe Trikot mit einem Vorsprung von 6 Minuten und 26 Sekunden auf Evenepoel verteidigte, glich der Schlusstag einer demonstrativen Machtdemonstration der anderen Art. Der slowenische Dominator verzichtete auf Attacken und widmete sich ganz der Rolle des Edeldomestiken für seinen 22-jährigen mexikanischen Teamkollegen Isaac del Toro. Gemeinsam überquerten sie die Ziellinie, Schulter an Schulter, nachdem Pogačar den jungen Fahrer über die Pässe von Croix de Fer, Télégraphe, Galibier und Sarenne geführt und vor dem heranstürmenden Franzosen Paul Seixas abgeschirmt hatte. Del Toros dritter Gesamtrang ist damit ebenso zementiert wie sein Sieg im Nachwuchsklassement. „Es war eine Ehre, heute für Isaac zu fahren“, sagte Pogačar, der damit zum fünften Mal die Tour gewinnen wird und in den exklusiven Kreis von Rekordsiegern um Jacques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault und Miguel Indurain aufsteigt.
Der 26-jährige Slowene, der in diesem Jahr bereits fünf Etappensiege verbuchte und nun auf insgesamt 26 Tagessiege kommt, beendete das Rennen als souveräner Spitzenreiter einer Gesamtwertung, die vor dem finalen Akt in Paris praktisch unveränderlich ist. Rang zwei geht an Remco Evenepoel, der als designierter Kronprinz gilt und seine Kritiker mit einer starken Leistung in den Bergen widerlegt hat. Knapp zehn Minuten hinter Pogačar folgt del Toro, während Seixas als Vierter und sein Landsmann Lenny Martinez als Fünfter die Schlusswertung komplettieren. Für Aufsehen sorgte die Ankündigung, die letzte Etappe aufgrund von Waldbränden im Südwesten Frankreichs von 133 auf 89 Kilometer zu verkürzen, um Einsatzkräfte zu entlasten.
Die Zielankunft auf den Champs-Élysées wird wie üblich über das abschließende Gesamtklassement nicht mehr entscheiden, doch das Peloton wird nach drei strapaziösen Wochen eine letzte Ehrenrunde drehen. Pogačar winkt die Krönung einer dominanten Fahrt, während Carapaz das Bergtrikot und zwei Etappensiege mit nach Ecuador nehmen darf. Kuss wird sich indes an einen Tag erinnern, der den schmalen Grat zwischen Triumph und Tragödie offenbarte – und an das Netz, das ihn vor dem Abgrund bewahrte.
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