
Pho Bo für 150 Rubel und ein Dachpool mit Meerblick: Russlands Ansturm auf Vietnam
Im ersten Halbjahr 2026 reisten fast 743.000 Russen nach Vietnam – ein Anstieg um das 2,8-Fache, der das Land zum drittwichtigsten Quellmarkt macht und alte Gewissheiten im asiatischen Tourismus verschiebt.
Der russische Reiseblogger, der unter dem Namen „Letaem sami“ schreibt, schildert die Ankunft in Nha Trang mit einer fast kindlichen Begeisterung: Eine üppige Schale Pho Bo, die duftende Rindfleischsuppe mit Reisnudeln und Kräutern, koste umgerechnet 150 bis 200 Rubel. Der Blick vom Hotelpool auf das Südchinesische Meer sei im Zimmerpreis inbegriffen, und Direktflüge aus Moskau gebe es schon für 8.000 bis 15.000 Rubel – Summen, die an der Schwarzmeerküste oder an der türkischen Riviera kaum noch für ein Abendessen reichten. Was der Blogger als persönlichen Geheimtipp präsentiert, ist längst ein Massenphänomen.
Nach Angaben der Assoziation der Reiseveranstalter Russlands (ATOR) reisten in den ersten sechs Monaten des Jahres 2026 genau 742.679 russische Staatsbürger nach Vietnam – das 2,8-Fache des Vorjahreszeitraums. Damit überholte Russland nicht nur Taiwan, die Vereinigten Staaten und Japan, sondern rückte hinter China und Südkorea auf den dritten Platz der wichtigsten Herkunftsländer vor. Insgesamt empfing Vietnam im selben Zeitraum 12,25 Millionen ausländische Gäste, ein Plus von 14,9 Prozent. Der Juni allein brachte 1,68 Millionen Ankünfte, wenngleich die Dynamik im Vergleich zum Mai leicht nachließ.
Die Gründe für den russischen Ansturm sind vielschichtig. In seinem Blog bringt der Reiseautor die Formel auf den Punkt: „Billiger als die Türkei, farbenfroher als Thailand.“ Während die Inflation die Preise an vielen Mittelmeerzielen in die Höhe getrieben hat, erscheint Vietnam als Insel der Stabilität. Hinzu kommen handfeste Erleichterungen: Seit dem 22. Juni gilt ein elektronisches Visum, das online beantragt werden kann, die Aufenthaltsdauer wurde auf 60 Tage verlängert und die Versicherungsanforderungen wurden vereinfacht. Parallel bauten russische Veranstalter ihre Flugprogramme massiv aus – nach Da Nang für den Sommer, ab Herbst auch direkt auf die Insel Phu Quoc. In den Reisebüros stieg der Anteil Vietnams an den Auslandsbuchungen von 4,9 auf 10 Prozent, während die Vereinigten Arabischen Emirate aus dem aktiven Verkauf verschwanden und der Inlandstourismus an Schwung verlor.
Für das deutschsprachige Publikum mag diese Entwicklung wie eine Randnotiz wirken, doch sie spiegelt eine tektonische Verschiebung im globalen Reiseverkehr. Während das benachbarte Myanmar nach dem Militärputsch von 2021 noch immer darum ringt, an die einstigen 4,5 Millionen Besucher anzuknüpfen – im vergangenen Jahr kamen nicht einmal eine Million –, profitiert Vietnam von seiner Stabilität und der geschickten Luftverkehrspolitik. Aus Moskauer Sicht ist das Land im Juli zur viertwichtigsten Pauschalreisedestination aufgestiegen, mit einem Anteil von 7,8 Prozent, vor Thailand und China. Die Analysten der ATOR halten es für möglich, dass die Marke von 1,5 Millionen russischen Gästen bis zum Jahresende erreicht wird – ein Wert, der noch vor zwei Jahren utopisch erschien.
Am Ende bleibt das Bild einer Schale Pho Bo, deren Dampf über einer Strandpromenade in Nha Trang aufsteigt, während im Hintergrund die Lichter neuer Hotelanlagen leuchten. Es ist ein Bild, das für viele russische Urlauber greifbarer geworden ist als die vertrauten Küsten Anatoliens – und das den touristischen Atlas Asiens leise, aber stetig neu zeichnet.
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