
Ein Versprecher, ein Comeback: Nanni Moretti kehrt nach 37 Jahren nach Venedig zurück
Die 83. Filmfestspiele von Venedig setzen auf Autorenkino und italienische Produktionen – Hollywood hält sich auffällig zurück.
Es war ein kurzer Moment der Heiterkeit, der die digitale Pressekonferenz durchzuckte. Alberto Barbera, der künstlerische Leiter der Mostra, verhaspelte sich, als er die Rückkehr Nanni Morettis in den Wettbewerb verkündete: „Er fehlte in Venedig seit 1889“, sagte Barbera, korrigierte sich rasch auf 1989, doch das Lachen blieb. Der Versprecher wirkte wie ein unfreiwilliger Kommentar zu einer gefühlten Ewigkeit. Tatsächlich hatte Moretti, der 1985 mit „La messa è finita“ letztmals um den Goldenen Löwen konkurrierte, den Lido jahrzehntelang gemieden und seine Werke bevorzugt in Cannes gezeigt. Nun also die späte Versöhnung: Sein neuer Film „Succederà questa notte“ mit Louis Garrel und Jasmine Trinca zählt zu den fünf italienischen Beiträgen im Hauptwettbewerb der 83. Ausgabe, die vom 2. bis 12. September 2026 stattfindet.
Neben Moretti treten vier weitere Regisseure aus Italien an: Marco Bechis mit „Ritorno a Buenos Aires“, einer Koproduktion mit Brasilien, die vor dem Hintergrund der argentinischen Militärdiktatur spielt; Edoardo De Angelis mit dem Familiendrama „Il fuoco che ti porti dentro“; Andrea Pallaoro mit „The Echo Chamber“, dem letzten von Bernardo Bertolucci verfassten Drehbuch; sowie Paolo Strippoli mit dem Horrorfilm „L’estranea“. Außer Konkurrenz laufen neue Arbeiten von Gianni Amelio und Mario Martone – ein Zugeständnis, das Barbera mit Dankbarkeit quittierte, weil die beiden Routiniers auf eine Löwen-Chance verzichteten. Insgesamt konkurrieren zwanzig Filme um den Hauptpreis, darunter Werke von Werner Herzog, Martin McDonagh, Hirokazu Kore-eda und Florian Zeller.
Auffällig ist die Zurückhaltung der großen Hollywood-Studios. Nachdem im vergangenen Jahr noch Filme mit Julia Roberts und George Clooney für Glamour sorgten, fehlen diesmal die ganz großen US-Produktionen. Auch Alejandro González Iñárritus mit Spannung erwarteter Film „Digger“ mit Tom Cruise, so wurde aus Festivalkreisen bestätigt, steht nicht auf dem Programm. Stattdessen dominieren unabhängige Produktionen und das, was Barbera als „Autorenkino“ bezeichnete. Die Zurückhaltung der Amerikaner, so die Lesart in europäischen Fachkreisen, sei auch eine Folge der Streiks von 2023 und der Furcht vor negativen Kritiken, wie sie 2024 dem „Joker“-Nachfolger in Venedig widerfuhren.
Dennoch wird der rote Teppich nicht leer bleiben. Robert Pattinson stellt „Primetime“ vor, Penélope Cruz und Javier Bardem erscheinen gemeinsam für Zellers „Bunker“, und Rooney Mara spielt an der Seite ihrer Schwester Kate in Herzogs „Bucking Fastard“. Für das größte Aufsehen außerhalb des Wettbewerbs aber dürfte ein Dokumentarfilm sorgen: „Oasis: Don’t Look Back in Anger“ zeichnet die Versöhnung der Gallagher-Brüder und ihre Reunion-Tournee nach. Barbera kündigte an, sowohl Noel als auch Liam Gallagher hätten ihr Kommen zugesagt. Ein weiteres dokumentarisches Schwergewicht ist Alex Gibneys fast vierstündiges Porträt „Musk“ über den Milliardär Elon Musk.
So steht diese Ausgabe der Mostra im Zeichen einer doppelten Rückbesinnung: auf das italienische Kino, das mit fünf Wettbewerbsbeiträgen so stark vertreten ist wie lange nicht, und auf die Kraft des Dokumentarischen. Während Hollywood pausiert, rücken andere Bilder in den Vordergrund – und ein Versprecher, der eine kleine Ewigkeit in eine Pointe verwandelte.
| Kontinentaleuropäische Presse | +0.30 | aligned |
|---|---|---|
| Lateinamerikanische Presse | +0.50 | aligned |
| Atlantische / angloamerikanische Presse | 0.00 | neutral |
| Russische & GUS-Presse | −0.30 | critical |
Italien feiert die Rückkehr von Nanni Moretti und die Stärke des nationalen Kinos, verhehlt aber nicht eine leichte Enttäuschung über das Fehlen Hollywoods.
Durch die Betonung der historischen Rückkehr Morettis und der Anzahl italienischer Filme wird ein Bild nationalen Erfolgs geschaffen, während die Kritik am Fehlen Hollywood-Stars als objektive Beobachtung präsentiert wird.
Erwähnt nicht die Kontroverse um den russischen Film 'Дау' noch die brasilianische Koproduktion, die in anderen Blöcken zentral sind.
Brasilien feiert seine Koproduktion als Meilenstein und unterstreicht den wachsenden Einfluss des Landes im Weltkino.
Indem man sich ausschließlich auf die brasilianischen Elemente des Films konzentriert und den breiteren Kontext des Festivals auslässt, erzeugt die Erzählung ein Gefühl nationaler Errungenschaft.
Lässt den italienischen Fokus auf Morettis Rückkehr und die russische Kontroverse aus, die in anderen Blöcken zentral sind.
Das Festival bietet ein vielfältiges Line-up aus star-getriebenen Filmen und Dokumentationen, das Spannung für die Preisverleihungssaison verspricht.
Indem die kommerziell attraktivsten Elemente (Musk-Dokumentation, McDonagh-Komödie) hervorgehoben und jede nationale oder politische Rahmung vermieden wird, positioniert die Erzählung das Festival als globales Unterhaltungsereignis.
Lässt die nationalen Stolz-Erzählungen Italiens und Brasiliens sowie die russische politische Kontroverse aus und konzentriert sich stattdessen auf die universelle Anziehungskraft.
Russland warnt, dass das Festival einen ausländischen Agenten legitimiert und damit seine kulturelle Glaubwürdigkeit untergräbt.
Indem dem Regisseur sofort das offizielle Etikett „ausländischer Agent“ verliehen wird, delegitimiert die Erzählung die Aufnahme des Films und stellt das Festival als politisch verdächtig dar.
Lässt die Feier des italienischen Kinos und die brasilianische Koproduktion aus und konzentriert sich ausschließlich auf den russischen Film als politisches Thema.
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