
Ein Arzt in Teheran, ein wenig Licht: Iranische Filme beim Filmfestival Venedig
Ali Asgaris im Geheimen gedrehter Wettbewerbsbeitrag «Kami Noor» erzählt von einem Arzt, der sterben will – und zeigt das iranische Kino abseits der offiziellen Linie.
Der Arzt geht durch Teheran. Er trägt eine Entscheidung mit sich, die er seiner Familie nach und nach offenbart. Der Bruder reagiert skeptisch, die Schwester mit Bestürzung – jeder muss für sich einen Weg finden, sie der Mutter zu überbringen. Diese Szene, eine beklemmende Wanderung durch eine Stadt im Vorabend eines Krieges, bildet das Zentrum von «Kami Noor» (Ein wenig Licht), dem neuen Film des iranischen Regisseurs Ali Asgari. Er ist einer von zwei iranischen Langfilmen, die in diesem Jahr in Venedig laufen. Anders als noch vor einigen Jahren, als offiziell lizenzierte Produktionen den iranischen Film auf internationalen Festivals repräsentierten, stammen beide aus dem Untergrund – gedreht ohne Genehmigung, unter schwierigsten Bedingungen.
Asgari drehte «Kami Noor» mit einem winzigen Team, zunächst in Teheran, dann nach Kriegsausbruch in der Türkei, wo er in den Wohnungen iranischer Migranten Innenräume nachstellte, die an heimische Häuser erinnern. „In den dunkelsten Tagen, als die Gesellschaft voller Trauer und Hoffnungslosigkeit war, glaubten wir, dass dieser Film gemacht werden musste“, schrieb der Regisseur auf Instagram. „Denn ‚Kami Noor‘ spricht in der Dunkelheit von der Möglichkeit des Lichts und der Hoffnung.“ Der Film ist, so Asgari, eine sehr freie Adaption von Abbas Kiarostamis «Geschmack der Kirsche», dreißig Jahre später und mitten in einer anderen iranischen Gegenwart.
Der zweite iranische Beitrag, «Moragheb» (Der Aufpasser) von Mohsen Gharaei, läuft in der Reihe Orizzonti. Er erzählt von einem älteren Gefängniswärter, der suspendiert wird und mit aller Macht verhindern will, dass seine Tochter das Land verlässt. Auch dieser Film zeigt Darstellerinnen ohne den in Iran vorgeschriebenen Hedschab und verhandelt kritisch die rigiden Geschlechterverhältnisse. Hinzu kommt der Kurzfilm «Aabi-e Dourdast» (Das ferne Blau) von Amir Hossein Moein, der im Wettbewerb der Orizzonti-Kurzfilme läuft. Die Präsenz dieser drei Werke setzt eine Entwicklung fort, die Beobachter seit den Protesten von 2022 beobachten: Während das staatlich kontrollierte Kino aus der internationalen Festivalzirkulation weitgehend verschwunden ist, gewinnen im Untergrund entstandene Produktionen an Sichtbarkeit.
Das Festival von Venedig, das älteste der Welt, bietet dafür eine traditionsreiche Bühne. In diesem Jahr feiert dort auch der italienische Film eine Rückkehr: Fünf Werke laufen im Hauptwettbewerb, darunter Nanni Morettis erstes Werk im Wettbewerb seit 1989, eine intime Liebesgeschichte jenseits politischer Exegese, wie Festivaldirektor Alberto Barbera betonte. Zudem setzt die Mostra auf Dokumentarisches, mit 26 Langfilmen, darunter ein siebenstündiges Porträt Bernardo Bertoluccis von Luca Guadagnino. Nur eine Serie fand den Weg ins Programm – die von der italienischen Schauspielerin Emanuela Fanelli konzipierte «Peccato». In diesem Geflecht wirken die iranischen Beiträge aus dem Untergrund wie ein leiser, aber beharrlicher Kommentar zur Gegenwart. Der letzte Blick gehört dem Arzt aus «Kami Noor»: Ihn treibt es durch Teheraner Straßen, ein Suchender, der vom Tod redet, aber vom Leben kündet – ein unsicheres Flackern im belagerten Licht.
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