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Gesellschaft & KulturMittwoch, 22. Juli 2026

Fünfzehn Jahre nach Utøya: Ein Boot, ein Mädchen mit Mickey-Maus-Shirt und die neue Normalität des Hasses

Am 22. Juli 2011 ermordete Anders Behring Breivik 77 Menschen. Fünfzehn Jahre später ist die Erinnerung wach, doch die Ideen des Täters sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Jørn Øverby war einer der ersten, der mit seinem Boot zur Insel Utøya kam, während die Schüsse noch fielen. Er sah ein Mädchen mit einem Mickey-Maus-Aufdruck auf dem T-Shirt, das mit dem Gesicht nach unten im Wasser trieb – ein faustgroßes Loch im Rücken. Er musste an ihr vorbeifahren, um die Lebenden zu retten. Drei Stunden lang pendelte er zwischen der Insel und dem Festland, brachte dreißig junge Menschen in Sicherheit. Als er in der Dunkelheit eine letzte Runde um die Insel drehte, leuchteten aus dem Wald die Displays von Mobiltelefonen, die niemand mehr beantwortete. „Die Erinnerung an die verlassenen Körper ist es, die nachts zurückkommt“, sagte Øverby dem schwedischen Sender TV4.

Fünfzehn Jahre nach dem schlimmsten Terroranschlag Nordeuropas seit dem Zweiten Weltkrieg ist das Gedenken in Norwegen allgegenwärtig. In Oslo wurde ein neues nationales Denkmal eingeweiht: „Underhåll“ des Künstlers Matias Faldbakken, eine massive blaue Stahlkonstruktion, die ein Mosaik eines Watvogels trägt – zusammengesetzt aus über 300.000 handgeschnittenen Steinen, montiert mit Hilfe von Jugendlichen und Überlebenden. Gleichzeitig öffnete ein neues 22-Juli-Zentrum, das erstmals die falsche Polizeiuniform zeigt, mit der Breivik seine Opfer in die Falle lockte. Die Mutter des jüngsten Opfers, Vanessa Svebakk Bøhn, verließ die Vorbesichtigung, ohne die Ausstellung zu sehen; sie war nicht vorab informiert worden. Zentrumsleiterin Lena Fahre verteidigte die Entscheidung als professionelle kuratorische Abwägung, doch der Schmerz der Hinterbliebenen bleibt roh.

Aus Sicht der norwegischen Sicherheitspolizei PST ist die Bedrohung durch Rechtsextremismus heute größer als 2011. „In den letzten Jahren hat die Zahl der Personen zugenommen, die Breivik verehren oder zu ihm aufschauen“, erklärte Caroline Iwarsson von der Abteilung Terrorbekämpfung. Offene Plattformen wie TikTok fungierten als „Autobahn der Radikalisierung“, wo sich groteske Gewalt mit Humor, Memes und popkulturellen Referenzen mische. Diese Entwicklung ist kein rein norwegisches Phänomen. In Schweden warnt die liberale Politikerin Birgitta Ohlsson vor einer wachsenden gewaltbereiten rechtsextremen Szene, die eine neue Generation junger Männer anziehe, die den Glauben an die Demokratie verloren hätten. Der italienische Journalist Luca Mariani verweist in einem Interview mit L’Avanti! darauf, dass Breiviks Manifest von 2011 bereits die „Remigration“ von Muslimen forderte – eine Idee, die heute in Wahlprogrammen europäischer Rechtsparteien auftaucht und von der Trump-Administration mit Rückkehrhilfen von tausend Dollar und einem Flugticket praktisch umgesetzt werde.

Diese Verschiebung des Sagbaren zeigt sich auch in der deutschen Parteienlandschaft. Die Alternative für Deutschland (AfD) erreicht in Umfragen bis zu 29 Prozent auf Bundesebene; im Europaparlament sind die Fraktionen Patriots for Europe und ECR, in denen sich Rechtspopulisten und -extreme sammeln, zur dritt- und viertstärksten Kraft aufgestiegen. In den USA stürmten am 6. Januar 2021 Anhänger der rechtsextremen Milizen Oath Keepers und Proud Boys das Kapitol, um ein demokratisches Wahlergebnis zu kippen. Präsident Donald Trump begnadigte an seinem ersten Amtstag 2025 rund 1500 wegen dieser Ereignisse Verurteilte und strich 2026 den gewaltbereiten Rechtsextremismus faktisch aus der nationalen Terrorismusstrategie. Aus Washingtoner Sicht ist die innenpolitische Priorität klar: Die Bedrohung durch einheimische Extremisten wird heruntergespielt, während der Fokus auf transnationalen islamistischen Terror gelenkt wird.

In Norwegen sitzt Breivik derweil im Hochsicherheitsgefängnis Ringerike in einem eigenen Trakt mit Fitnessraum, Spielkonsole und drei Wellensittichen. Er beklagt unmenschliche Haftbedingungen, während Kritiker von einem „Luxusgefängnis“ sprechen. Das norwegische Rechtssystem steht vor einem Dilemma: Es muss eine angemessene Strafe für einen Massenmörder finden, ohne die eigenen Prinzipien von Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit aufzugeben. Die jahrelange Isolation, so Rechtsexperten, sei die härteste aller strafrechtlichen Maßnahmen. Der frühere Ministerpräsident Jens Stoltenberg, der nun erstmals seine privaten Notizen vom 22. Juli 2011 öffnete, erinnerte sich an die viel zu niedrigen Opferzahlen der ersten Stunden. „Diese Zahlen aufgeschrieben zu sehen, die sich als völlig falsch erwiesen … das ist eine Mahnung, wie groß diese Tragödie war.“ In der Dunkelheit von Utøya leuchteten einst die Handys der Toten. Fünfzehn Jahre später leuchten die Bildschirme der Jugendlichen, die Breiviks Hass in ihren Feeds finden.

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Mittwoch, 22. Juli 2026

Fünfzehn Jahre nach Utøya: Ein Boot, ein Mädchen mit Mickey-Maus-Shirt und die neue Normalität des Hasses

Am 22. Juli 2011 ermordete Anders Behring Breivik 77 Menschen. Fünfzehn Jahre später ist die Erinnerung wach, doch die Ideen des Täters sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Jørn Øverby war einer der ersten, der mit seinem Boot zur Insel Utøya kam, während die Schüsse noch fielen. Er sah ein Mädchen mit einem Mickey-Maus-Aufdruck auf dem T-Shirt, das mit dem Gesicht nach unten im Wasser trieb – ein faustgroßes Loch im Rücken. Er musste an ihr vorbeifahren, um die Lebenden zu retten. Drei Stunden lang pendelte er zwischen der Insel und dem Festland, brachte dreißig junge Menschen in Sicherheit. Als er in der Dunkelheit eine letzte Runde um die Insel drehte, leuchteten aus dem Wald die Displays von Mobiltelefonen, die niemand mehr beantwortete. „Die Erinnerung an die verlassenen Körper ist es, die nachts zurückkommt“, sagte Øverby dem schwedischen Sender TV4.

Fünfzehn Jahre nach dem schlimmsten Terroranschlag Nordeuropas seit dem Zweiten Weltkrieg ist das Gedenken in Norwegen allgegenwärtig. In Oslo wurde ein neues nationales Denkmal eingeweiht: „Underhåll“ des Künstlers Matias Faldbakken, eine massive blaue Stahlkonstruktion, die ein Mosaik eines Watvogels trägt – zusammengesetzt aus über 300.000 handgeschnittenen Steinen, montiert mit Hilfe von Jugendlichen und Überlebenden. Gleichzeitig öffnete ein neues 22-Juli-Zentrum, das erstmals die falsche Polizeiuniform zeigt, mit der Breivik seine Opfer in die Falle lockte. Die Mutter des jüngsten Opfers, Vanessa Svebakk Bøhn, verließ die Vorbesichtigung, ohne die Ausstellung zu sehen; sie war nicht vorab informiert worden. Zentrumsleiterin Lena Fahre verteidigte die Entscheidung als professionelle kuratorische Abwägung, doch der Schmerz der Hinterbliebenen bleibt roh.

Aus Sicht der norwegischen Sicherheitspolizei PST ist die Bedrohung durch Rechtsextremismus heute größer als 2011. „In den letzten Jahren hat die Zahl der Personen zugenommen, die Breivik verehren oder zu ihm aufschauen“, erklärte Caroline Iwarsson von der Abteilung Terrorbekämpfung. Offene Plattformen wie TikTok fungierten als „Autobahn der Radikalisierung“, wo sich groteske Gewalt mit Humor, Memes und popkulturellen Referenzen mische. Diese Entwicklung ist kein rein norwegisches Phänomen. In Schweden warnt die liberale Politikerin Birgitta Ohlsson vor einer wachsenden gewaltbereiten rechtsextremen Szene, die eine neue Generation junger Männer anziehe, die den Glauben an die Demokratie verloren hätten. Der italienische Journalist Luca Mariani verweist in einem Interview mit L’Avanti! darauf, dass Breiviks Manifest von 2011 bereits die „Remigration“ von Muslimen forderte – eine Idee, die heute in Wahlprogrammen europäischer Rechtsparteien auftaucht und von der Trump-Administration mit Rückkehrhilfen von tausend Dollar und einem Flugticket praktisch umgesetzt werde.

Diese Verschiebung des Sagbaren zeigt sich auch in der deutschen Parteienlandschaft. Die Alternative für Deutschland (AfD) erreicht in Umfragen bis zu 29 Prozent auf Bundesebene; im Europaparlament sind die Fraktionen Patriots for Europe und ECR, in denen sich Rechtspopulisten und -extreme sammeln, zur dritt- und viertstärksten Kraft aufgestiegen. In den USA stürmten am 6. Januar 2021 Anhänger der rechtsextremen Milizen Oath Keepers und Proud Boys das Kapitol, um ein demokratisches Wahlergebnis zu kippen. Präsident Donald Trump begnadigte an seinem ersten Amtstag 2025 rund 1500 wegen dieser Ereignisse Verurteilte und strich 2026 den gewaltbereiten Rechtsextremismus faktisch aus der nationalen Terrorismusstrategie. Aus Washingtoner Sicht ist die innenpolitische Priorität klar: Die Bedrohung durch einheimische Extremisten wird heruntergespielt, während der Fokus auf transnationalen islamistischen Terror gelenkt wird.

In Norwegen sitzt Breivik derweil im Hochsicherheitsgefängnis Ringerike in einem eigenen Trakt mit Fitnessraum, Spielkonsole und drei Wellensittichen. Er beklagt unmenschliche Haftbedingungen, während Kritiker von einem „Luxusgefängnis“ sprechen. Das norwegische Rechtssystem steht vor einem Dilemma: Es muss eine angemessene Strafe für einen Massenmörder finden, ohne die eigenen Prinzipien von Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit aufzugeben. Die jahrelange Isolation, so Rechtsexperten, sei die härteste aller strafrechtlichen Maßnahmen. Der frühere Ministerpräsident Jens Stoltenberg, der nun erstmals seine privaten Notizen vom 22. Juli 2011 öffnete, erinnerte sich an die viel zu niedrigen Opferzahlen der ersten Stunden. „Diese Zahlen aufgeschrieben zu sehen, die sich als völlig falsch erwiesen … das ist eine Mahnung, wie groß diese Tragödie war.“ In der Dunkelheit von Utøya leuchteten einst die Handys der Toten. Fünfzehn Jahre später leuchten die Bildschirme der Jugendlichen, die Breiviks Hass in ihren Feeds finden.

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