
Der Historiker Carlo Ginzburg gestorben: Meister der Mikrogeschichte und Anwalt der Vergessenen
Der italienische Historiker Carlo Ginzburg, Pionier der Mikrogeschichte und Autor von «Der Käse und die Würmer», ist im Alter von 87 Jahren in Bologna gestorben.
In der Nacht zum 17. Juni 2026 ist Carlo Ginzburg, einer der einflussreichsten Historiker der Gegenwart, in Bologna gestorben. Der 1939 in Turin geborene Sohn der Schriftstellerin Natalia Ginzburg und des antifaschistischen Intellektuellen Leone Ginzburg erlag im Alter von 87 Jahren einer Krankheit. Seine Tochter Lisa Ginzburg verabschiedete sich mit den Worten «Ciao papà mio» auf Instagram. Der Bürgermeister von Bologna, Matteo Lepore, würdigte ihn als «eine der brillantesten Figuren des kritischen Denkens Italiens». Mit Ginzburg verliert die internationale Geschichtswissenschaft einen Gelehrten, der wie kaum ein anderer die Perspektive auf die Vergangenheit verändert hat.
Ginzburg gilt als Begründer der Mikrogeschichte, jener in den 1970er Jahren in Italien entstandenen historiografischen Strömung, die das große Ganze aus den scheinbar unbedeutenden Details einzelner Lebenswelten rekonstruiert. Sein 1976 erschienenes Werk «Il formaggio e i vermi» – auf Deutsch «Der Käse und die Würmer» – wurde zum Klassiker. Darin zeichnete er anhand der Inquisitionsakten das Kosmosbild des friaulischen Müllers Menocchio nach, der im 16. Jahrhundert wegen ketzerischer Äußerungen verfolgt wurde. Ginzburg gab damit jenen eine Stimme, die von der traditionellen Geschichtsschreibung übergangen wurden. In Lateinamerika, wo das Buch an Universitäten von Buenos Aires bis Mexiko-Stadt zur Pflichtlektüre zählt, prägte es Generationen von Historikern; die spanischsprachige Presse würdigte ihn nun als «padre de la microhistoria».
Seine akademische Laufbahn führte Ginzburg weit über Italien hinaus. Nach Studien an der Scuola Normale Superiore di Pisa und am Warburg Institute in London lehrte er in Bologna, Harvard, Yale, Princeton und an der University of California in Los Angeles, ehe er als Emeritus nach Pisa zurückkehrte. Diese transatlantische Karriere spiegelt die universelle Resonanz seiner Methode wider, die er selbst als «evidentielles Paradigma» bezeichnete: ein detektivisches Lesen von Spuren und Indizien, das von der Kunstkennerschaft Giovanni Morellis über Sigmund Freud bis zu Sherlock Holmes reicht. In Frankreich würdigte «Le Temps» den «grand explorateur du Moyen Age et de la Renaissance», während die russische Zeitung «Kommersant» an seine Studien zu nächtlichen Hexensabbaten und volkstümlichen Glaubenswelten erinnerte.
Für das deutschsprachige Publikum ist Ginzburgs Werk von besonderer Bedeutung, weil es die italienische Mikrogeschichte mit der deutschen Alltagsgeschichte und der historischen Anthropologie verband. Seine Bücher, darunter «Die Benandanti» über einen friaulischen Fruchtbarkeitskult, wurden ins Deutsche übersetzt und beeinflussten die Debatten um eine Geschichte von unten. Ginzburg selbst betonte stets die aufklärerische Wurzel seines Denkens: das kritische Befragen von Quellen, das Fremdmachen des Vertrauten. Weggefährten wie der römische Philosophiehistoriker Pasquale Terracciano erinnerten sich an die «Euphorie des Nichtwissens», die Ginzburg in Seminaren entfachte.
Ginzburgs Erbe liegt nicht allein in seinen Büchern, sondern in einer Haltung, die das Marginale ins Zentrum rückt. Er hat gezeigt, dass die Geschichte der «namenlosen Horden», wie es in «Storia notturna» heißt, kein romantisches Beiwerk ist, sondern der Schlüssel zum Verständnis ganzer Epochen. In einer Zeit, in der die Geschichtswissenschaft erneut um ihre gesellschaftliche Relevanz ringt, bleibt sein Plädoyer für den genauen Blick auf das Einzelne und das scheinbar Abseitige hochaktuell. Die Übersetzung seines letzten großen Essays «Il vincolo della vergogna» ins Deutsche steht noch aus – ein Projekt, das nun postum an Dringlichkeit gewinnt.
Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.
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Mit dem Tod von Carlo Ginzburg verliert die italienische Kultur einen ihrer einflussreichsten Intellektuellen. Als Sohn von Leone und Natalia Ginzburg revolutionierte er die Geschichtsschreibung durch die Mikrogeschichte und gab den Ausgegrenzten in Werken wie 'Der Käse und die Würmer' eine Stimme. Sein akademisches Erbe, von Bologna bis Harvard, bleibt ein weltweiter Maßstab.
Der italienische Historiker Carlo Ginzburg, ein Pionier der Mikrogeschichte, ist im Alter von 87 Jahren gestorben. Als Spezialist für Mittelalter und Frühe Neuzeit erforschte er Volksglauben und Hexerei. Sein Buch 'Der Käse und die Würmer' rekonstruierte das Weltbild eines Müllers aus dem 16. Jahrhundert.
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