
Zwischen Bombendrohung und Papstsegen: Die vielen Gesichter der WM 2026
Während die Gastgeberländer Einheit beschwören, offenbaren politische Spannungen und kulturelle Aneignungen die tiefe Ambivalenz des globalen Fußballfestes.
In der vergangenen Woche überreichten die Botschafter der drei WM-Gastgeberländer – Mexiko, die Vereinigten Staaten und Kanada – dem Papst im Vatikan einen signierten offiziellen Spielball. Das sorgfältig inszenierte Bild vor der Kulisse des Petersdoms sollte die verbindende Kraft des Sports demonstrieren. Papst Leo XIV., selbst als fußballbegeistert bekannt, nahm das Geschenk wohlwollend entgegen und würdigte es als Symbol der Zusammenarbeit. Doch der fromme Gestus steht in scharfem Kontrast zu den politischen Realitäten, die dieses Turnier von Beginn an begleiten.
Aus Washingtoner Sicht ist die Weltmeisterschaft 2026 vor allem eine Bühne für die Neuinszenierung amerikanischer Gastfreundschaft unter der Regierung Trump. Dass der somalische Schiedsrichter Omar Artan, Afrikas bester Unparteiischer, bei seiner Einreise nach Miami elf Stunden lang festgehalten und schließlich deportiert wurde, passt kaum zum offiziellen Motto der Einheit. Mexikanische Beobachter erinnern zudem an die kaum verheilten Wunden: Erst 2020 soll Trump seinen damaligen Verteidigungsminister angewiesen haben, Drogenlabore auf mexikanischem Boden zu bombardieren und die Schuld einem anderen Staat zuzuschieben. Vor diesem Hintergrund wirkt die gemeinsame Bewerbung der drei Länder, die bereits 2009 von einem mexikanischen Diplomaten angestoßen wurde, wie ein fragiles Konstrukt aus sportdiplomatischer Notwendigkeit.
Aus europäischer Perspektive dominieren kulturpessimistische Deutungen. In Italien wird die WM als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln gelesen – eine Anspielung auf Orwells Diktum vom Fußball als „Krieg ohne Schüsse“, das der kroatische Präsident Tuđman einst zur Rechtfertigung nationalistischer Exzesse ummünzte. Gleichzeitig feiert die deutsche Boulevardpresse die Aufblähung des Turniers auf 48 Mannschaften und 104 Spiele als Rückkehr zur wahren Freude am Spiel. Teams wie Kap Verde, Katar, Jordanien und Curaçao, so der Tenor, erinnerten daran, dass nicht der Sieg, sondern das Teilen der Leidenschaft den Kern des Fußballs ausmache.
In Mexiko-Stadt hat die fußballerische Vorfreude längst die Kathedrale erfasst: Eine traditionelle Niño-Dios-Figur am Altar der Könige trägt nun das weiße Trikot der Nationalmannschaft, grüne Hosen und einen Ball – eine jahrzehntealte Volksfrömmigkeit, die himmlischen Beistand für das Team erfleht. Aus Brasilien hingegen dringt ein anderer, profanerer Ton herüber. Dort beklagen Kommentatoren die Allgegenwart der Wettbüros, die selbst die Übertragungen im öffentlich-rechtlichen Internetfernsehen dominieren. Die Copa, so der sarkastische Befund, sei längst zur „Fubetol“ mutiert – ein Kofferwort aus Fußball und Betrug, das die Kommerzialisierung des Sports anprangert.
So entfaltet sich schon vor dem Anpfiff das ganze Panorama einer Weltmeisterschaft, die mehr ist als ein sportlicher Wettstreit. Sie wird zum Prisma, in dem sich geopolitische Verwerfungen, religiöse Sehnsüchte und die Gier eines entfesselten Wettmarkts bündeln. Ob das Turnier am Ende tatsächlich Einheit stiftet oder die Risse vertieft, hängt nicht nur von den Ergebnissen auf dem Rasen ab. Entscheidend wird sein, ob die Gastgeber jenseits der Symbolpolitik jene Werte glaubhaft verkörpern, die sie mit dem Ball an den Papst überreicht haben.
Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.
2 Mediengruppen · 4 Sprachen
In Lateinamerika verwebt die Weltmeisterschaft Heiliges und Profanes: Der Papst erhält den offiziellen Ball, das Christkind trägt das Nationaltrikot, doch die Heuchelei des 'Fußball vereint' wird durch die Festnahme eines somalischen Schiedsrichters in Miami entlarvt. Mit Ironie und Pragmatismus wird das Turnier als Volksfest gesehen, das die Widersprüche der Mächtigen nicht vergisst.
Diese von Trump und Infantino orchestrierte WM beweist, dass Sport nur eine Verlängerung der Machtpolitik ist, ein Krieg ohne Schüsse. Die Aufblähung des Turniers und die Einheitsrhetorik verschleiern eine Philosophie der Stärke, die die Reichsten und Mächtigsten verherrlicht und an Orwell und sogar Kriegsverbrecher erinnert.
Verwandte Artikel
Iran sperrt erneut Straße von Hormus – USA bestreiten Blockade
8 Sprachen · 52 Quellen
Kriminalität & KatastrophenGüterzugkollision in München: Ein Toter, zwei Waggons stürzen von Brücke
11 Sprachen · 20 Quellen
Justiz & RechtPassentzug und Ausreisesperre: Spaniens Justiz eröffnet Hauptverfahren gegen Begoña Gómez
7 Sprachen · 23 Quellen