
Ein Kuss auf die Stirn, ein letztes Solo: Zwei Leben für die Bühne erlöschen
Innerhalb eines Tages verliert die Kunstwelt den ägyptischen Klangrevolutionär Hani Shenouda und den brasilianischen Theatermacher João Sanches – beide hinterlassen ein Erbe, das Generationen geprägt hat.
In einer Konzerthalle in Riad beugte sich vor einiger Zeit der Popstar Amr Diab zu dem ergrauten Mann am Klavier hinab und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. Es war ein seltener öffentlicher Moment der Dankbarkeit, festgehalten auf einem Foto, das Diab nun, am Montag, erneut veröffentlichte – diesmal als Abschied. Wenige Stunden zuvor war Hani Shenouda, der Architekt dieses Moments und so vieler Klangwelten, in einem Kairoer Krankenhaus einer plötzlichen Erkrankung erlegen. Fast zeitgleich, nur einen Tag zuvor, verstummte im brasilianischen Salvador da Bahia eine andere prägende Stimme: Der Dramatiker und Regisseur João Sanches starb im Alter von nur 47 Jahren, ohne dass die Öffentlichkeit die Ursache erfuhr.
Shenouda, 1943 im Nildelta geboren, war kein bloßer Komponist. Er war ein Umschichter des Hörbaren. Als die ägyptische Musik noch in den festen Bahnen des klassischen Orchesters floss, brachte er, ausgebildet am Kairoer Konservatorium, den Synthesizer, die E-Gitarre und das Schlagzeug in die Arrangements – nicht als modische Zutat, sondern als strukturelles Element. Mit seiner 1977 gegründeten Formation „Al-Masryeen“ (Die Ägypter) schuf er einen urbanen, jugendlichen Sound, der Texte von Najib Mahfouz-Adaptionen ebenso trug wie die Sehnsucht einer Generation. Aus dieser Klangwerkstatt gingen zwei Sänger hervor, deren Karrieren ohne ihn kaum denkbar wären: Mohamed Mounir, dessen erstes Album Shenouda fast vollständig arrangierte, und ein Teenager aus Port Said, den er bei einem Konzert entdeckte – Amr Diab. Shenouda gab ihm mit Liedern wie „Al-Zaman“ die ersten Konturen jenes Stils, der später den arabischen Pop dominieren sollte.
Dreitausend Kilometer westlich, in der tropischen Schwüle Bahias, wirkte João Sanches mit ähnlicher Intensität, nur auf einem anderen Spielfeld. Er war ein Gelehrter der Bühne, Professor an der Bundesuniversität von Bahia, und zugleich ein Praktiker, der das Theater seiner Heimatstadt Salvador mit einer Reihe von Inszenierungen prägte, die dreimal mit dem Braskem-Preis, der wichtigsten Auszeichnung der Region, bedacht wurden. Sein „Um Solo para Gregório“, eine Hommage an den Barockdichter Gregório de Matos, galt als Schlüsselwerk eines Theaters, das historische Stoffe mit zeitgenössischer Körpersprache verband. Die Fundação Gregório de Mattos würdigte ihn als „Referenz der darstellenden Künste Bahias“, und die ehemalige Leiterin der nationalen Kunststiftung, Maria Marighella, sprach von einem „leuchtenden Lächeln“ und einer Weisheit, die viel zu früh erloschen sei.
Beide Künstler teilten die Gabe, Talente nicht nur zu erkennen, sondern ihnen eine erste, tragfähige Bühne zu bauen. Shenouda formte aus dem rauen Vortrag des Volkssängers Ahmed Adaweya den Hit „Zahma ya Donia“, der noch Jahrzehnte später in Riad Tausende zum Mitsingen brachte. Sanches wiederum gab dem Schauspieler Ricardo Bittencourt in „Um Solo para Gregório“ jenen Raum, den dieser als „brillant und furchtbar intelligent“ beschrieb. Es ist diese doppelte Spur – das eigene Werk und die ermöglichten Werke anderer –, die den Verlust so tief macht. In Kairo wie in Salvador hinterlassen sie keine leeren Säle, sondern gefüllte Biografien.
Am Ende bleiben zwei Bilder, die nichts voneinander wussten und doch denselben Puls teilen: ein ergrauter Maestro, der in Riad eine letzte Ovation empfängt, und ein junger Regisseur, dessen letzte Probe in der Erinnerung seiner Studenten weiterklingt. Die Musik Shenoudas wird in den Gassen Kairos weiterhallen, und die Texte von Sanches werden in den Theatern Bahias weiter gesprochen werden – nicht als Denkmal, sondern als lebendiger Stoff.
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