
Vozinhas Sternstunde: Wie Kap Verdes Torhüter Spanien trotzte und zum globalen Phänomen wurde
Der 40-jährige Josimar Dias avancierte beim WM-Debüt Kap Verdes gegen Spanien zum Helden – und rührte mit seiner Visa-Geschichte die Welt.
Das erste große Beben dieser Weltmeisterschaft kam nicht von einem Favoriten, sondern von einem Inselstaat mit kaum einer halben Million Einwohnern. Kap Verde, das bislang kleinste Land, das je an einer Endrunde teilnahm, trotzte dem amtierenden Europameister Spanien im Mercedes-Benz Stadium von Atlanta ein torloses Remis ab. Im Zentrum des Orkans stand ein 40-jähriger Schlussmann, der unter seinem Spitznamen „Vozinha“ binnen Stunden vom unbekannten Keeper der zweiten portugiesischen Liga zu einem der meistdiskutierten Gesichter des Turniers aufstieg. Sieben Paraden, darunter mehrere Reflexe gegen die geballte Offensivkraft der „Furia Roja“, sicherten den ersten WM-Punkt der kapverdischen Geschichte – und ließen den Torhüter nach dem Abpfiff in Tränen ausbrechen. Der Grund für die Emotionen lag nicht allein auf dem Rasen: Seine Mutter Ana Cândida Évora hatte die Reise in die USA nicht antreten können, weil die Kosten für das unter der Trump-Administration eingeführte Visum-Bond-Programm von bis zu 15.000 Dollar unüberwindbar waren. Dabei hatte sie tags zuvor im Staatsfernsehen mit eigentümlicher Gewissheit prophezeit, kein Ball werde an ihrem Sohn vorbeigehen.
Hinter dem Kunstnamen Vozinha – portugiesisch für „Großmütterchen“ – verbirgt sich eine Familiengeschichte, die weit über den Sport hinausreicht. Josimar José Évora Dias wuchs bei seinen Großeltern auf, während der Vater Militärdienst leistete und die Mutter lange Schichten als Reinigungskraft arbeitete. Sein bürgerlicher Name wiederum ist eine Hommage an die WM 1986: Der fußballverrückte Vater taufte ihn nach dem brasilianischen Mittelfeldspieler Josimar, der in Mexiko für Furore sorgte. Nach dem Coup gegen Spanien explodierte die digitale Popularität des Keepers; innerhalb eines Tages schnellte seine Instagram-Gefolgschaft von 50.000 auf über zehn Millionen – mehr als die Einwohnerzahl Kap Verdes und mehr als die Follower von NBA-Star Victor Wembanyama. Brasilianische Medien feierten den bekennenden Ivete-Sangalo-Fan, und Rogério Ceni, Idol und früherer Weltmeister-Torhüter, sandte eine Videobotschaft nach Mindelo. Aus Mexiko wiederum kam die Nachricht, dass Vozinhas Handschuhe aus heimischer Produktion stammen – gefertigt von der Marke, die auch Real-Madrid-Keeper tragen – und dass Unternehmer bereits über ein Engagement nach der WM verhandeln.
Die politische Dimension des Falls entfaltete sich in Washington. Das US-Außenministerium erklärte, man stehe in direktem Kontakt mit der Familie, um das Visum für die Mutter noch rechtzeitig zum zweiten Gruppenspiel gegen Uruguay in Miami zu ermöglichen. Der demokratische Minderheitsführer im Repräsentantenhaus, Hakeem Jeffries, schaltete sich ein und forderte Außenminister Rubio auf, die Ausnahmeregelung für Angehörige von WM-Teilnehmern zügig anzuwenden. Parallel starteten Fans eine Spendenkampagne. Die Episode warf ein Schlaglicht auf die restriktiven Einreisebestimmungen, die 50 Staaten – darunter Kap Verde – mit hohen Kautionsforderungen belegen, und machte Vozinha ungewollt zu einem Gesicht der Debatte um faire Mobilität im globalen Fußball.
Jenseits der persönlichen Erzählung offenbarte der Abend von Atlanta eine bemerkenswerte kollektive Leistung. Verteidiger Roberto „Pico“ Lopes, der über eine LinkedIn-Nachricht überhaupt erst in den Nationalkader fand, hielt die Abwehr ebenso diszipliniert zusammen wie der gesamte „Tubarões Azuis“ (Blaue Haie), die in der Fairplay-Wertung als Mannschaft mit den wenigsten Fouls auffielen. Ein anonymer Wettkunde verlor auf der Plattform Polymarket nahezu eine Million Dollar, weil er auf einen sicheren spanischen Sieg gesetzt hatte. Für Kap Verde hingegen ist der Punktgewinn mehr als eine Anekdote: Er nährt die Hoffnung, in einer Gruppe mit Uruguay und weiteren Gegnern das Unmögliche möglich zu machen. Vozinha selbst, der noch vor wenigen Wochen mit dem Gedanken ans Karriereende gespielt haben soll, blickt nun auf Angebote aus Europa und Mexiko – und auf die Chance, seiner Mutter doch noch einen Platz auf der Tribüne zu verschaffen.
Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.
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Die subsaharische afrikanische Presse feiert Vozinha als historischen Helden, der mit 40 Jahren Kap Verde zu einem wundersamen Unentschieden gegen Spanien führte. Sie betont das emotionale Gewicht der Leistung, insbesondere den Schmerz, dass seine Mutter sich das Visum nicht leisten konnte, und hebt die wirtschaftlichen Hürden hervor, mit denen gewöhnliche Afrikaner konfrontiert sind. Die Erzählung rahmt dies als Triumph der Widerstandskraft und als Moment kontinentalen Stolzes.
Die indische Presse stellt Vozinhas Leistung als David-gegen-Goliath-Märchen dar und konzentriert sich auf sein langes Warten und die bittersüße Tatsache, dass seine Familie das Visumgeld nicht rechtzeitig aufbringen konnte. Sie hebt die winzige Größe Kap Verdes und die spektakulären Paraden des Torwarts hervor und präsentiert das Unentschieden als einen Moment sportlicher Romantik, der tief nachhallt.
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