
Der bettelnde Roboter und die demografische Zeitenwende
Ein Video aus China zeigt einen humanoiden Roboter, der um Geld bittet – ein Sinnbild für die Umwälzungen, die Geburtenrückgang und technologischer Wandel weltweit auslösen.
In einer Fussgängerzone der chinesischen Provinz Sichuan kniet ein menschenähnlicher Roboter auf dem Asphalt. Neben ihm ein Behälter für Münzen, ein QR-Code für digitale Spenden. Auf seinem Display flackern Sätze wie «Kein Geld zum Aufladen» und «Bitte bezahlen Sie den Strom». Passanten bleiben stehen, einige werfen tatsächlich Geld ein. Das Video, das in sozialen Netzwerken millionenfach geteilt wurde, zeigt nicht nur eine technische Spielerei, sondern rührt an tiefer liegende Verunsicherungen. Ähnliche Szenen wurden aus Peking, Chengdu und Fuzhou gemeldet; stets handelt es sich um das Modell G1 des Herstellers Unitree Robotics, der mit vergleichsweise günstigen humanoiden Robotern Aufmerksamkeit erregt.
Zur gleichen Zeit, tausend Kilometer entfernt in Wuxi, bestellt ein junger Chinese namens Wan per Lieferdienst gebratenen Reis für umgerechnet zwei Dollar. In die Bestellnotiz schreibt er: «Bitte geben Sie mir mehr Reis. Ich wurde kürzlich entlassen und habe noch kein Gehalt bekommen. Ich kann nur eine Mahlzeit am Tag essen.» Als das Essen kommt, findet er nicht nur eine grössere Portion, sondern auf dem Deckel eine handschriftliche Nachricht des Restaurantbesitzers: «Kommen Sie und werden Sie Lehrling bei mir.» Auch diese Geschichte verbreitet sich rasend schnell, wird vierzig Millionen Mal angesehen und fast vier Millionen Mal mit «Gefällt mir» markiert.
Die beiden Episoden – die eine mechanisch, die andere zutiefst menschlich – werfen Schlaglichter auf eine Welt, in der sich demografische, wirtschaftliche und technologische Gewissheiten gleichzeitig verschieben. In der Schweiz ist die Geburtenrate laut Bundesamt für Statistik im vergangenen Jahr auf 1,28 Kinder pro Frau gesunken, das vierte Jahr in Folge ein Rückgang. Eine von Swiss Life in Auftrag gegebene Studie unter knapp 3200 Personen zeigt, dass mehr als die Hälfte der kinderlosen 18- bis 45-Jährigen keinen Kinderwunsch verspürt; als häufigste Gründe werden fehlender Wunsch, finanzielle Belastung und Unbehagen angesichts der Weltlage genannt. Gleichzeitig wünscht sich fast die Hälfte der kinderlosen Befragten Nachwuchs, und für über sechzig Prozent von ihnen sind zwei Kinder das Ideal – ein Hinweis darauf, dass Wunsch und Wirklichkeit auseinanderklaffen.
Die Folgen dieser Entwicklung reichen weit über die Familienplanung hinaus. In Italien warnt der Verband Unione Italiana Food, der 530 Lebensmittelunternehmen vertritt, vor einem schleichenden Wandel der Konsumgewohnheiten: Wo früher Familienpackungen die Regale füllten, wächst heute die Nachfrage nach Monoportionen, Fertiggerichten und Tiefkühlprodukten. Der französische Autokonzern Renault wiederum kündigt an, bis 2027 achthundert Ingenieursstellen in Frankreich zu streichen. Technikchef Philippe Brunet verweist auf chinesische Wettbewerber, die neue Modelle in zwei statt fünf Jahren entwickeln und mit technologisch ausgereiften Fahrzeugen zu wettbewerbsfähigen Preisen auf den Markt drängen. Um Schritt zu halten, will Renault seine Entwicklungsprozesse straffen und die Zeit in Besprechungen um ein Fünftel reduzieren.
Während in Europa der Geburtenrückgang vor allem als ökonomische Herausforderung erscheint, vollzieht sich in Indien eine bemerkenswerte politische Kehrtwende. Jahrzehntelang hatte das Land mit Sterilisationsprogrammen gegen die Überbevölkerung gekämpft; heute liegt die Geburtenrate mit 1,9 Kindern pro Frau unter der Bestandserhaltungsgrenze. Der südliche Bundesstaat Andhra Pradesh zahlt nun Prämien für dritte und vierte Kinder – umgerechnet bis zu 450 Franken. Kritikerinnen wie Poonam Muttreja von der Population Foundation of India warnen vor erzwungenen Schwangerschaften und fordern stattdessen bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Der bettelnde Roboter in Sichuan aber bleibt eine stumme Frage: Was geschieht mit einer Gesellschaft, in der Maschinen menschliche Rollen übernehmen, während die Zahl der Menschen selbst schrumpft?
Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.
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China steht vor einer drohenden demografischen Krise: Die Erwerbsbevölkerung soll bis Ende des Jahrhunderts auf 300 Millionen schrumpfen. Peking setzt daher massiv auf humanoide Roboter, um die Lücken zu füllen, und präsentiert die Automatisierung als pragmatische Überlebensstrategie. Das Narrativ zeichnet China als Roboternation im Wettlauf gegen die Zeit, das die Alarmstimmung über den Bevölkerungsschwund mit einer techno-optimistischen Lösung verbindet.
Die Geburtenrate in der Schweiz ist auf ein historisches Tief von 1,28 Kindern pro Frau gesunken, und mehr als die Hälfte der kinderlosen 18- bis 45-Jährigen gibt an, keine Familie gründen zu wollen. Eine neue Studie führt die Lücke auf ein Auseinanderklaffen von Wunsch und Wirklichkeit zurück, während die UNO den Höhepunkt der Weltbevölkerung um 2084 prognostiziert. Die Einordnung ist analytisch und distanziert und behandelt den demografischen Rückgang als strukturellen Wandel mit langfristigen Folgen für Renten, Schulen und sogar die Lebensmittelindustrie.
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