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Medien & UnterhaltungSamstag, 20. Juni 2026

Zwischen Mawwal und Orchesterklang: Die neue Zerbrechlichkeit auf den Konzertbühnen der Welt

In Arabien, Lateinamerika und Brasilien zeigt sich: Live-Musik lebt heute von spontanen Gesten, kultureller Verflechtung und dem Versprechen, dass das Publikum Teil einer flüchtigen Gemeinschaft wird.

Vor ihrem Auftritt in der saudischen Hafenstadt Dschidda hatte die syrische Sängerin Assala eine Nachricht an ihre Fangemeinde geschickt: Sie nannte Dschidda die »Braut« und gestand, dass sie sich auf diesen Abend wie selten zuvor freue. Auf der Bühne dann, in einem mintgrünen Kleid des libanesischen Designers Nicolas Jebran, das ihr rasch den Spitznamen »Cinderella von Dschidda« eintrug, wagte sie sich an einen Mawwal, eine traditionelle arabische Vokalimprovisation – und unterbrach sich plötzlich lachend: »Ehrlich gesagt, es ist das erste Mal, dass ich diesen Mawwal singe, und ich fühlte mich überhaupt nicht sattelfest darin.« Das Publikum quittierte den selbstironischen Kommentar mit einer Welle der Heiterkeit und des Mitgefühls. Es war ein Moment, in dem die Künstlerin die perfektionistische Fassade fallen ließ und die Distanz zum Saal in einer gemeinsamen Verletzlichkeit auflöste.

Solche spontanen Gesten prägen zunehmend die Musikbühnen von Ost bis West. Wenige Tage zuvor hatte die ägyptische Chanteuse Angham in Dubai ihr Publikum als den »wahren Träger ihrer Karriere« bezeichnet und sich durch ein Programm aus Klassikern und neueren Stücken gesungen, begleitet von Tausenden, die jede Zeile mitsprachen. Gleichzeitig denkt der chilenische Dirigent Paolo Bortolameolli, der kürzlich zum Artistic Partner der Filarmónica de Medellín ernannt wurde, über die Rolle von Orchestern nach: »Es geht nicht nur um Beethoven oder Mahler, sondern darum, dass diese Werke überlebt haben, weil sie eine zutiefst menschliche Faser berühren – die der Kommunikation und der Emotion.« Sein Antritt in Kolumbien und ein von ihm geleitetes Gratiskonzert der Orquesta Filarmónica de Bogotá im Auditorium León de Greiff, das Werke von Debussy, Bernstein und ein Flötenkonzert von Jean Françaix vereinte, zeugen von einem Bestreben, das sinfonische Erbe aus dem Museum zu holen und in die Mitte der Gesellschaft zu tragen.

Auch in Abu Dhabi verschränken sich Tradition und Gegenwart. Das UAE National Orchestra feierte den Welttag der Musik mit einer Aufführung von Rimski-Korsakows »Scheherazade«, erweitert um eine Auftragskomposition von Kamal Ahmed Mustafa, die Themen der sinfonischen Suite durch die Klangfarben der arabischen Instrumente bricht. Der Dirigent Ahmed Farj betonte, die Proben hätten viel Zeit darauf verwendet, den Musikern die dramatischen Hintergründe jeder Episode aus »Tausendundeiner Nacht« zu vermitteln, »damit die Musik nicht nur gespielt, sondern in ihrer erzählerischen Tiefe begriffen wird«. Hier wird das Orchester zum Geschichtenerzähler, der ein jahrhundertealtes literarisches Erbe in eine zeitgenössische Klangsprache übersetzt.

Der brasilianische Theatermacher Felipe Hirsch wiederum hat sich in seinem neuen Stück »Orkhestra Phántasma« den Geräuschen der Vergangenheit zugewandt. Anlass waren seine monatlichen Besuche im leerstehenden Elternhaus in Curitiba; dort sammelte er Erinnerungssplitter, das Echo der Kindheit, das Klappern von Gegenständen, das Flüstern der Räume. Entstanden ist eine philosophisch-politische Pop-Oper über die »Fantasie, im eigenen Kopf frei zu sein« – ein Gedanke, der wie ein leiser Bass auch unter den anderen Darbietungen mitschwingt: Die Freiheit, einen Mawwal zu riskieren, eine Partitur neu zu deuten, einen Saal ohne Eintritt zu öffnen, ist immer auch ein Anspruch auf eine flüchtige, aber tief geteilte Wirklichkeit. In Dschidda endete der Abend mit einem improvisierten Tanz von Assala, den das Publikum auf den Sitzen erwiderte; in den sozialen Netzwerken zirkuliert das Bild noch heute als stumme Chiffre für einen Abend, der sich nicht in Perfektion, sondern in der Echtheit des Ungeprobten maß.

Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.

2 Mediengruppen · 3 Sprachen

48%
TonTemperaturFokusPositionierungHorizont
Arabische Levante-Maghreb-PresseLateinamerikanische Presse
Arabische Levante-Maghreb-Presse
TriumphPaternalismus

The singer Asala delivered a massive concert in Jeddah, sharing a heartfelt message to her Saudi audience, expressing her deep affection for the city. The performance was met with thunderous applause and audience participation, as she performed a medley of her greatest hits. The event was framed as a celebration of the emotional bond between the artist and her fans.

Lateinamerikanische Presse
PragmatismusDistanz

Paolo Bortolameolli starts a new role as Artistic Partner of Filarmed, aiming to strengthen the connection between symphonic music and the community. The play 'Orkhestra Phántasma' by Felipe Hirsch explores philosophical and political themes, using music as a central element. The framing emphasizes the transformative power of art and the importance of keeping classical music alive in contemporary society.

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Samstag, 20. Juni 2026

Zwischen Mawwal und Orchesterklang: Die neue Zerbrechlichkeit auf den Konzertbühnen der Welt

In Arabien, Lateinamerika und Brasilien zeigt sich: Live-Musik lebt heute von spontanen Gesten, kultureller Verflechtung und dem Versprechen, dass das Publikum Teil einer flüchtigen Gemeinschaft wird.

Vor ihrem Auftritt in der saudischen Hafenstadt Dschidda hatte die syrische Sängerin Assala eine Nachricht an ihre Fangemeinde geschickt: Sie nannte Dschidda die »Braut« und gestand, dass sie sich auf diesen Abend wie selten zuvor freue. Auf der Bühne dann, in einem mintgrünen Kleid des libanesischen Designers Nicolas Jebran, das ihr rasch den Spitznamen »Cinderella von Dschidda« eintrug, wagte sie sich an einen Mawwal, eine traditionelle arabische Vokalimprovisation – und unterbrach sich plötzlich lachend: »Ehrlich gesagt, es ist das erste Mal, dass ich diesen Mawwal singe, und ich fühlte mich überhaupt nicht sattelfest darin.« Das Publikum quittierte den selbstironischen Kommentar mit einer Welle der Heiterkeit und des Mitgefühls. Es war ein Moment, in dem die Künstlerin die perfektionistische Fassade fallen ließ und die Distanz zum Saal in einer gemeinsamen Verletzlichkeit auflöste.

Solche spontanen Gesten prägen zunehmend die Musikbühnen von Ost bis West. Wenige Tage zuvor hatte die ägyptische Chanteuse Angham in Dubai ihr Publikum als den »wahren Träger ihrer Karriere« bezeichnet und sich durch ein Programm aus Klassikern und neueren Stücken gesungen, begleitet von Tausenden, die jede Zeile mitsprachen. Gleichzeitig denkt der chilenische Dirigent Paolo Bortolameolli, der kürzlich zum Artistic Partner der Filarmónica de Medellín ernannt wurde, über die Rolle von Orchestern nach: »Es geht nicht nur um Beethoven oder Mahler, sondern darum, dass diese Werke überlebt haben, weil sie eine zutiefst menschliche Faser berühren – die der Kommunikation und der Emotion.« Sein Antritt in Kolumbien und ein von ihm geleitetes Gratiskonzert der Orquesta Filarmónica de Bogotá im Auditorium León de Greiff, das Werke von Debussy, Bernstein und ein Flötenkonzert von Jean Françaix vereinte, zeugen von einem Bestreben, das sinfonische Erbe aus dem Museum zu holen und in die Mitte der Gesellschaft zu tragen.

Auch in Abu Dhabi verschränken sich Tradition und Gegenwart. Das UAE National Orchestra feierte den Welttag der Musik mit einer Aufführung von Rimski-Korsakows »Scheherazade«, erweitert um eine Auftragskomposition von Kamal Ahmed Mustafa, die Themen der sinfonischen Suite durch die Klangfarben der arabischen Instrumente bricht. Der Dirigent Ahmed Farj betonte, die Proben hätten viel Zeit darauf verwendet, den Musikern die dramatischen Hintergründe jeder Episode aus »Tausendundeiner Nacht« zu vermitteln, »damit die Musik nicht nur gespielt, sondern in ihrer erzählerischen Tiefe begriffen wird«. Hier wird das Orchester zum Geschichtenerzähler, der ein jahrhundertealtes literarisches Erbe in eine zeitgenössische Klangsprache übersetzt.

Der brasilianische Theatermacher Felipe Hirsch wiederum hat sich in seinem neuen Stück »Orkhestra Phántasma« den Geräuschen der Vergangenheit zugewandt. Anlass waren seine monatlichen Besuche im leerstehenden Elternhaus in Curitiba; dort sammelte er Erinnerungssplitter, das Echo der Kindheit, das Klappern von Gegenständen, das Flüstern der Räume. Entstanden ist eine philosophisch-politische Pop-Oper über die »Fantasie, im eigenen Kopf frei zu sein« – ein Gedanke, der wie ein leiser Bass auch unter den anderen Darbietungen mitschwingt: Die Freiheit, einen Mawwal zu riskieren, eine Partitur neu zu deuten, einen Saal ohne Eintritt zu öffnen, ist immer auch ein Anspruch auf eine flüchtige, aber tief geteilte Wirklichkeit. In Dschidda endete der Abend mit einem improvisierten Tanz von Assala, den das Publikum auf den Sitzen erwiderte; in den sozialen Netzwerken zirkuliert das Bild noch heute als stumme Chiffre für einen Abend, der sich nicht in Perfektion, sondern in der Echtheit des Ungeprobten maß.

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The singer Asala delivered a massive concert in Jeddah, sharing a heartfelt message to her Saudi audience, expressing her deep affection for the city. The performance was met with thunderous applause and audience participation, as she performed a medley of her greatest hits. The event was framed as a celebration of the emotional bond between the artist and her fans.

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Paolo Bortolameolli starts a new role as Artistic Partner of Filarmed, aiming to strengthen the connection between symphonic music and the community. The play 'Orkhestra Phántasma' by Felipe Hirsch explores philosophical and political themes, using music as a central element. The framing emphasizes the transformative power of art and the importance of keeping classical music alive in contemporary society.

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