
Zinspolitik im Schatten des Nahost-Konflikts: Zentralbanken zwischen Entspannung und Inflationsfurcht
Während die Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran die Ölmärkte nur teilweise beruhigt, ringen Notenbanken in Australien, Brasilien und Europa mit anhaltendem Preisdruck und fiskalischen Risiken.
Die überraschende Einigung auf eine Wiedereröffnung der Straße von Hormus hat die unmittelbare Gefahr einer Energiekrise gemildert, doch die Zentralbanken der Welt bleiben in Alarmbereitschaft. Aus Washingtoner Sicht ist die Deeskalation mit Teheran ein außenpolitischer Erfolg, der die Ölpreise von ihren Höchstständen herunterholte – allerdings nicht auf das Vorkrisenniveau. Rohöl der Sorte Brent notiert weiterhin um 80 Dollar je Barrel, deutlich über den Preisen, die noch zu Jahresbeginn als stabil galten. Diese anhaltende geopolitische Prämie nährt die Sorge vor einer zweiten Welle der Teuerung, die geldpolitische Lockerungen vielerorts in Frage stellt.
In Sydney hat die Reserve Bank of Australia den Leitzins zwar unverändert bei 4,35 Prozent belassen, doch Gouverneurin Michele Bullock nutzte die Zinspause für eine markante verbale Intervention. Sie drohte explizit mit weiteren Zinserhöhungen, sollte die Inflation nicht entschlossen genug in den Zielkorridor von zwei bis drei Prozent zurückkehren. Die Finanzmärkte indes taxieren diese Warnung überwiegend als Bluff. Beobachter in Melbourne und Sydney verweisen auf die bereits spürbare Abkühlung der Binnenkonjunktur und die hohe Verschuldung der privaten Haushalte, die den Spielraum für zusätzliche Straffungen eng begrenzen. Bullocks Rhetorik, so die vorherrschende Lesart, soll vor allem verhindern, dass verfrühte Zinssenkungserwartungen die Inflation weiter anheizen.
In Brasilien steht das Comitê de Política Monetária (Copom) vor einer ähnlich delikaten Abwägung. Die Mehrheit der Analysten in São Paulo und Rio de Janeiro erwartet eine weitere Senkung des Selic-Leitzinses um 0,25 Prozentpunkte auf 14,25 Prozent, doch die Zuversicht auf einen längeren Lockerungszyklus schwindet. Die Inflationserwartungen haben sich von der Zielmarke gelöst, befeuert durch expansive Fiskalpolitik der Regierung Lula und die Folgen extremer Wetterereignisse. Brasilianische Ökonomen sprechen von einer „perfekten Sturmkonstellation“, die das Copom zwingen könnte, den Zinssenkungsprozess früher als geplant zu unterbrechen. Sollte der Schritt am Mittwoch erfolgen, wäre es bereits der dritte in Folge, doch die Wahrscheinlichkeit einer anschließenden Pause ist so hoch wie seit Monaten nicht.
Aus Frankfurter Sicht mahnt der Chefökonom der Europäischen Zentralbank, Philip Lane, zu erhöhter Wachsamkeit. Die EZB müsse sich darauf einstellen, dass die Inflation in der Eurozone über drei Prozent verharren werde, deutlich oberhalb des mittelfristigen Ziels von zwei Prozent. Lane begründet dies mit der persistenten Verteuerung von Energieimporten, die über Produktionsketten und Lohnanpassungen nachwirke. Für Deutschland, Österreich und die Schweiz als rohstoffimportierende Volkswirtschaften bedeutet dies, dass die Hoffnung auf baldige Zinssenkungen im Euroraum gedämpft bleibt. Die EZB-Präsidentin Christine Lagarde sekundierte, eine außer Kontrolle geratene Inflation sei das größere Übel als eine temporäre Wachstumsdelle.
Die globale Zinspolitik steht damit an einem Wendepunkt, an dem geopolitische Entspannung und binnenwirtschaftliche Risiken gegeneinander abgewogen werden müssen. Während die Notenbanken in Australien und Brasilien mit verbalen Drohungen und minimalen Zinsschritten operieren, wartet die EZB auf belastbare Daten zur Preisentwicklung. Die Märkte preisen für die kommenden Monate eine vorsichtige Lockerung ein, doch die Unsicherheit über den Ölpreispfad und die Fiskalpolitik großer Schwellenländer lässt die geldpolitischen Spielräume schrumpfen. Sollte die Straße von Hormus erneut blockiert werden oder die Rohölnotierungen dauerhaft über 85 Dollar steigen, dürften die Zentralbanken ihre Inflationsbekämpfung weltweit verschärfen – mit spürbaren Folgen für Konjunktur und Kreditkosten auch im deutschsprachigen Raum.
Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.
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Australiens Zentralbank hält die Zinsen stabil, droht aber mit weiteren Erhöhungen – ein Schritt, den die Märkte als Bluff betrachten. Die Auswirkungen solcher Drohungen sind ungleich verteilt: Einige Bevölkerungsgruppen wären von einer Straffung viel härter betroffen, was Fragen der Fairness aufwirft. Die hawkische Rhetorik dient womöglich eher der Erwartungssteuerung als der Ankündigung realer Maßnahmen.
An diesem Super-Mittwoch wird vom brasilianischen Copom eine Senkung des Selic um 0,25 Punkte auf 14,25% erwartet, möglicherweise die letzte vor einer Pause. Das Friedensabkommen zwischen den USA und dem Iran hat die Lockerungserwartungen gefestigt, doch fiskalische Risiken und unverankerte Inflation machen dies zu einem der kürzesten Lockerungszyklen aller Zeiten.
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