
Pop im Spagat: Charli XCX, The Strokes und die Suche nach dem nächsten Pinselstrich
Neue Alben von Charli XCX, The Strokes, Alex Cameron, Anitta und Nia Archives zeigen Künstler im Übergang – zwischen Fan-Erwartung, künstlerischer Erschöpfung und dem Drang, sich neu zu erfinden.
Ein kurzes, selbst gedrehtes Video auf Instagram, keine dreißig Sekunden lang: Charli XCX, das Gesicht hinter dem globalen Phänomen „Brat“, stellt darin mit trockenem Tonfall klar, sie habe „nie gesagt, ich mache ein Rock-Album“. Es war ein Korrektiv, eine Antwort auf die hitzige Debatte, die ihre Single „Rock Music“ ausgelöst hatte – ein Stück, das mit verzerrten Gitarrenriffs und der spöttischen Zeile „I think the dancefloor is dead / So now we’re making rooooock music“ genau jene Erwartung konterkarierte, die es selbst schürte. Diese kleine Szene, beinahe beiläufig, öffnet den Blick auf ein zentrales Motiv quer durch die jüngsten Veröffentlichungen einer ganzen Riege von Künstlern: das Ringen um künstlerische Autonomie in einem Umfeld, das nach klaren Etiketten und kontrollierten Erzählungen verlangt.
Charli XCX’ siebtes Album „Music Fashion Film“ ist aus dieser Spannung heraus entstanden. Erschöpft von der alles durchdringenden kulturellen Wucht des Vorgängers, sei sie zunächst „nicht inspiriert“ gewesen, Neues zu schreiben, berichtet sie. Erst die Idee ihres langjährigen Weggefährten AG Cook, während der Pariser Modewoche in einem beengten, hektischen Umfeld aufzunehmen, brachte Bewegung in die kreative Starre. So wurde das Werk zu einer – durchaus widersprüchlichen – Hommage an ihre drei liebsten Kunstformen, wie bereits das Cover mit den Protagonisten Martin Scorsese, Marc Jacobs und John Cale verrät. Die Platte oszilliert zwischen stampfendem Grunge („Card Declined“), schlafloser Düsternis („I’m Afraid“) und ironischen Pop-Reflexionen, und doch bleibt sie fragmentarisch, wie ein Blick in den laufenden Schaffensprozess.
Diesen Prozess, das eigene Schaffen zu hinterfragen und formal zu erneuern, teilt Charli XCX mit einer Gruppe von Musikern, deren jüngste Werke ebenfalls Brüche aufweisen. The Strokes etwa kehren sechs Jahre nach dem von Synthesizern geprägten „The New Abnormal“ mit „Reality Awaits“ zurück – und lassen schon im Opener „Psycho Shit“ einen Lärmtornado aus Gitarren los, der alle Erwartungen an ein gefälliges Comeback hinwegfegt. Aus französischsprachiger Perspektive beschreibt „Le Devoir“ die Platte als risikofreudig, stellenweise beruhigend klassisch („Lonely in the Future“), dann wieder kühn in den Harmonien („Falling Out of Love“), stets aber getragen von einer New Yorker Attitüde alternder Jungrocker. Der Australier Alex Cameron, ohnehin ein Meister der gebrochenen Charaktere, verlangsamt auf „Late to Set“ das Tempo spürbar und ersetzt die eingängigen Refrains früherer Tage durch ausgedehnte Balladen im Gewand des Dad-Rock – ein Perspektivwechsel, der bei aller Bissigkeit auch Zärtlichkeit zulässt.
Während Charli XCX und Cameron Identität und Selbstwert in den Mitteln der westlichen Pop- und Rocktradition verhandeln, suchen andere Künstler die Erneuerung in der Verdichtung kultureller Wurzeln und Genregrenzen. Die brasilianische Sängerin Anitta etwa spannt auf dem zweiten Teil ihres Projekts „Equilibrivm“ einen weiten Bogen über Samba, Reggae, Forró und Samba de Gafieira und holt sich dafür Stimmen wie Maria Bethânia und Alceu Valença ins Boot – eine Rückbesinnung auf heimische Rhythmen, die zugleich in einer spanischen Version von Djavans „Azul“ Brücken zu einem internationalen Publikum schlägt. Die britische DJ und Produzentin Nia Archives wiederum bettet auf „Emotional Junglist“ ihre vertrauten Jungle- und Drum-and-Bass-Skelette in warme R&B- und Soul-Pop-Harmonien, ergänzt um Indie-Rock-Gitarren, und kontrastiert so die hohe Geschwindigkeit der Beats mit einer oft sehnsüchtigen, ins Stocken geratenden Stimme. Fünfzehn kurze, eindringliche Songs erzählen von einer Liebe, die nirgendwo hinführt.
Am Ende bleibt das Bild einer künstlerischen Landschaft, die weniger nach epochalen Würfen strebt als nach Momenten der Wahrhaftigkeit inmitten des Lärms – sei es der verwischte Lidstrich eines erschöpften James Dean, den Charli XCX als Inspiration für das Video zu „Camera“ zitiert, oder die raue Gitarrenwand, mit der The Strokes jede Nostalgie beiseiteschieben. Es sind keine glatten Antworten, die diese Platten geben, sondern die Dokumentation jenes fragilen Augenblicks, in dem aus Verunsicherung neue Form entsteht.
| Lateinamerikanische Presse | +0.10 | neutral |
|---|---|---|
| Atlantische / angloamerikanische Presse | −0.20 | neutral |
The Strokes' return and Anitta's new phase show that artists can evolve without losing identity, enriching their sound with local influences.
The artistic evolution is presented as a natural and positive process, emphasizing variety and inclusivity without problematizing the choices.
It lacks the critical analysis of The Strokes' and Charli XCX's artistic choices present in the Atlantic press.
These artists challenge expectations, but not always successfully: their audacity must be evaluated critically, comparing with previous works and genre standards.
An aesthetic evaluation approach is adopted, comparing with past works and genre expectations to judge the coherence and originality of choices.
Anitta's release and her project 'Equilibrivm II' celebrating Brazilian music are not mentioned.
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