
New Yorker Juden protestieren gegen Israel – während das Land an innerer Polarisierung leidet
Eine Studie zeigt, dass die Mehrheit der Israelis die innere Zerrissenheit als existenzielle Gefahr betrachtet, während progressive jüdische Gemeinden in den USA auf Distanz gehen und in Europa antisemitische Einstellungen zunehmen.
Bei der jährlichen Israel-Parade in New York geriet Israels Finanzminister Bezalel Smotrich ins Kreuzfeuer der Kritik. Progressive jüdische Demonstranten beschimpften den rechtskonservativen Politiker als «Kriegsverbrecher» und warfen ihm die Unterstützung eines «Völkermords» an den Palästinensern vor. Die Proteste markieren einen tiefen Riss zwischen Teilen der amerikanisch-jüdischen Gemeinde und der israelischen Regierung. Smotrich ließ sich nicht beirren und betonte die untrennbare Verbindung zwischen Israel und den Juden in aller Welt – ein Bekenntnis, das in der Diaspora längst nicht mehr ungeteilt Zustimmung findet.
In Israel selbst zeichnet sich unterdessen eine andere, womöglich drängendere Gefahr ab. Wie das Jewish People Policy Institute (JPPI) in seinem Jahresbericht 2026 darlegt, sehen 55 Prozent der Israelis die innenpolitische Polarisierung als größte existenzielle Bedrohung – vor dem iranischen Atomprogramm (23 Prozent) und dem palästinensischen Konflikt (18 Prozent). Sechs von zehn Bürgern halten einen Bürgerkrieg für möglich. Diese Zahlen offenbaren eine Gesellschaft, deren Fundament weniger von äußeren Feinden als von inneren Spannungen bedroht ist.
Die Gräben verlaufen entlang mehrerer Bruchlinien. Ein Gesetzesvorhaben, das Kita-Subventionen auch an ultraorthodoxe Wehrdienstverweigerer ausdehnen soll, stößt auf heftigen Widerstand. Die stellvertretende Außenministerin Sharren Haskel nannte dies einen «Dolchstoß» gegen die kämpfenden Soldaten. Gleichzeitig ringt die arabische Minderheit mit wachsender Wut auf die jüdisch-nationalistische Rechte und mit einer Kriminalitätswelle in den eigenen Gemeinden. Noch ist ungewiss, ob diese Empörung die Wahlbeteiligung beflügeln oder ins Gegenteil umschlagen wird.
Die multiplen Erschütterungen wirken auch auf Europa zurück. Eine in Schweden durchgeführte Langzeitstudie zeigt, dass die Zustimmung zu antisemitischen Aussagen zwischen 2020 und 2025 signifikant gestiegen ist. Zudem wächst die Gleichgültigkeit: Immer mehr Schweden distanzieren sich nicht mehr aktiv von judenfeindlichen Positionen. Die Autoren der Studie bringen diese Entwicklung mit dem Krieg zwischen Israel und der Hamas in Zusammenhang, auch wenn der genaue Beginn des Stimmungsumschwungs im Unklaren bleibt. Dass alte Instrumente der Antisemitismusbekämpfung nicht mehr greifen, mahnen die Forscher eindringlich an.
Der jüdische Staat und seine Diaspora sehen sich einer Konvergenz von Bedrohungen gegenüber, die von unterschiedlichen geografischen und politischen Ausgangspunkten aus wirken. Während progressive jüdische Kreise in den USA den moralischen Alleinvertretungsanspruch der israelischen Regierung offen infrage stellen, erodiert im Inneren der Kitt der gemeinsamen Staatsräson. Gleichzeitig dringt der Nahostkonflikt tief in europäische Gesellschaften ein und verschiebt dort die Koordinaten des Sagbaren. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die israelische Demokratie aus diesen Spannungen Widerstandskraft schöpfen kann – oder ob die multiplen Fliehkräfte die Einheit des Staates und seiner Unterstützung in der Welt unwiederbringlich beschädigen.
Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.
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Laut einem Jahresbericht des Jewish People Policy Institute halten 55 % der Israelis innere Polarisierung und Bürgerkriegsgefahr für die größte Bedrohung des Fortbestands des Staates. Koalitionsgesetze, die ultraorthodoxe Wehrdienstverweigerer begünstigen, arabisch-jüdische Spannungen und Brüche über den Einsatz von Frauen in Panzereinheiten untergraben den nationalen Zusammenhalt stärker als jeder äußere Feind.
Bei der jährlichen Israel-Parade in New York wurden rechtsgerichtete israelische Minister und Abgeordnete von progressiven jüdischen Gemeinden mit Rufen wie 'Kriegsverbrecher' empfangen, die den Völkermord in Gaza anprangern. Der Riss geht nicht nur durch die israelische Gesellschaft, sondern spaltet die jüdische Diaspora selbst – immer mehr Stimmen wenden sich offen von der Politik des jüdischen Staates ab.
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